| FAZ, 30.07.2002 |
Der unbekannte Gott hat kein Gesicht
Von Günther Kunert
Der unbekannte Gott hat kein Gesicht, zumindest keines,
das
wir uns, überliefertem Muster entsprechend, vorstellen können. Und
dennoch ist ER, obwohl anonym, in einem Maße allgegenwärtig wie
nie zuvor. Ja, er steckt in uns allen, wir sind ein Teil von ihm,
er ist ein Teil von uns. Das Darstellungsverbot „Du sollst dir
kein Bild machen!“ hat sich überlebt: selbst unter Aufbietung
aller Phantasie läßt sich eine Personalisierung des wahrhaft
Allgewaltigen nicht mehr zustande bringen. Einzig gültig aus alten
Tagen sind noch biblische Sprüche wie etwa „Nicht mein, sondern
dein Wille geschehe!“ Unsere Wege waren stets fremdgelenkt, unter
wir beugten uns unter fremden Willen, immerhin noch
identifizierbaren oder wenigstens einem unserem Glauben gemäßen.
Doch längst ist uns die Illusion einer metaphysischen Instanz
abhanden gekommen und damit auch ein gewisser Trost. Inzwischen
mußten wir erkennen, daß wir mindere Werkstücke einer immer
gewaltigeren Megamaschine sind, die wir (wie ehedem Gott) selbst
geschaffen haben und mit der wir in unfrommer und unauflöslicher
Symbiose existieren. Die Epoche der Maschinenstürmerei ist
vorüber, denn wir haben gelernt, daß die Megamaschine, indem wir
sie pfleglich behandeln und ihr (unbewußt) Opfer darbringen, uns
am Leben hält.
Auch wenn wir sie hin und wieder verfluchen, sobald sie uns mit Fehlfunktionen ärgert, ohne sie wären wir gar nicht mehr daseinsfähig. Mit blinder Selbstverständlichkeit und dennoch ahnungsträchtiger Skepsis richten wir unseren Alltag nach den Funktionen des gesamten technischen Instrumentariums ein, dem wir, altertümlich gesprochen, unsere Seele verkauft haben oder, moderner gesagt, das wir verinnerlicht haben. Die Uhr, mit der das technische Zeitalter begann, regiert und reguliert unsere Person „von der Wiege bis zur Bahre“, ohne daß wir dessen noch gewahr würden. Wir sind von Geräten umringt, deren wir uns bedienen, wobei unmerklich von ihrem Funktionieren manches in uns übergeht und zu „normalen“ Verhaltensweisen wird. Auch unsere Sprache bleibt von dieser Symbiose keineswegs unbeeinflußt. Wenn wir mit dem Auto fahren, geben wir uns unnatürlichen Bewegungen hin, weil wir ihrem Mechanismus gehorchen und somit zwangsläufig zu ihrem Bestandteil werden. So sind wir ebenfalls in der Arbeitswelt Herren und Sklaven unterschiedlichster Apparate; indem wir uns ihren Abläufen und Reaktionen unterwerfen, entfremden wir uns von uns selber. Wir akzeptieren unser Interagieren mit den toten Dingen, als handele es sich um Naturgeschehen. Vor ihrer materialen Dominanz erübrigt sich die Frage nach der „Freiheit der Person“, da wir, an tausenderlei direkte und indirekte mechanische Vorgänge gebunden, nicht mehr jene Personen sind, von denen wir uns einreden, sie dennoch zu sein, sein zu können, sein zu dürfen. Und dennoch sind wir bloß das Rädchen oder Schräubchen, und zwar das aus biologischen Gründen anfälligste und ebendarum auch am leichtesten ersetzbare. Diese Unsicherheit und Ungewißheit erhöhen den Anpassungsdruck. Reflexe werden eingeschliffen, als bestünde das Gehirn aus Metall. Dem Individuum werden Reaktionen ein- und aufgeprägt, die selbst außerhalb des beruflichen Anwendungsbereiches nur bedingt abzuschalten sind. Denn selbst in der fälschlich noch immer so genannten Privatsphäre beherrschen uns die vom unsichtbaren Gott verordneten Reglements.
Man betrachte einmal die sich pestilenzartig ausbreitende Anzahl der Ideogramme und Symbole. Waren Symbole einstmals göttlichen oder doch metaphysischen Ursprungs, vielschichtig und deutungsbedürftig, so geben ihre säkularen Nachfolger auf einen Blick zu erkennen, worum es geht. Nicht nur an Bürotüren und Toiletteneingängen winken uns die Zeichen herein, unsere diversen Bedürfnisse zu stillen, sogar in den Räumen fordert zum Beispiel die Hausfrau mittels eines schriftlosen Warnbildes den Gast auf, sich beim Pinkeln hinzusetzen. (Übrigens verkauft man bereits sprechende Klosettdeckel, die die gleiche Körperhaltung fordern – wahrscheinlich für Blinde.) An Karosserien dekuvrieren sich Tennisspieler, Hundehalter und Reiter ideogrammatisch, andere prunken mit zwei rammelnden Kaninchen.
Wo immer wir unterwegs sind, stoßen wir auf Hinweise, Signale,
Zeichen, Richtungsschilder, denen wir, unserer leiblichen
Unbeschadetheit halber, gehorsam folgen. Bei roter Ampel, ohne
sich näherndes Fahrzeug, verharren Menschengruppen wie angewurzelt
– ein merkwürdiger Anblick. Als hätte der unsichtbare Gott lautlos
ein „Stillgestanden“ erlassen. Dieser Anblick beweist die
Verinnerlichung des zum Automaten tendierenden Zeitgenossen.
Man könnte tatsächlich die These aufstellen, daß die
Konditionierung des Individuums durch seine übertechnifizierte
Umwelt der Psyche immer weniger Raum für moralische Empfindungen
zugesteht. Allein durch Beispiele sind unselige Primaten in der
Lage, moralische Lehren anzunehmen, und zwar durch Beispiele von
Mitmenschen. Selbst der Tod, jene unüberwindliche Grenze, die uns
gesetzt ist, wird unter dem technischen Aspekt entrealisiert und
entwürdigt. Abgesehen davon, daß der Sterbende noch mit seinen
letzten Atemzügen der Medizintechnik zu Lohn und Brot verhilft:
Auch der Tod eines Bekannten oder Verwandten wird leichter
ertragen als eine eingebeulte Motorhaube oder ein dreimonatiges
Fahrverbot, weil durch unsere schleichende Verdinglichung das
Blech, insbesondere das Teure, zu einem körperlichen Attribut
wurde, zum sichtbaren Ausdruck der Persönlichkeit und das
Fahrverbot zu einer beschämenden Erniedrigung, während Onkel Karl
sowieso schon über siebzig gewesen ist.
Sind wir inhumaner geworden? Oder nur aufrichtiger, ohne den tradierten ethnischen Firnis? Die sachte Auflösung der Familie, Schrumpfung der Geburtenzahl, Vereinzelung und zugleich Vereinsmeierei, die Unfähigkeit, Einsamkeit zu ertragen, ja, schon ein kurzes Alleinsein als Übel zu empfinden und doch mit anderen nicht auf längere Dauer beisammen sein zu können – sind das Menetekel für den Rückgang unserer Fühlfähigkeit? Oder läßt sich diese Entwicklung auf die permanente Funktionalisierung unserer Gesellschaft zurückführen? Wer, wenn nicht der unsichtbare Gott, hat uns das ständige Werten, Urteilen und Verwerfen gelehrt? Was ist notwendig, was überflüssig? Was wir für notwendig halten, ist meist überflüssig, und am Überflüssigen verkennen oder mißachten wir seinen daseinserleichternden Wert. Bleibt durch das ständige Bewerten unsere Psyche verschont? Und was wohl sind die Kategorien unseres Wertens? Aus der Religion stammen sie wohl kaum noch, und kaum aus überlieferten Verhaltensmustern oder gar ideologischen Sentenzen.
Mir scheint, sie resultieren, osmotisch wirkend, aus dem Gesamtkomplex der Technik, der Technologie. Die sich steigernde Geschwindigkeit der überall zu registrierenden Veränderungen verfehlt keineswegs ihren Einfluß auf unsere Sicht der Dinge, welche wie durch Zauberhand veralten, kaum daß wir uns an sie gewöhnt hatten. Daraus entsteht die Sucht nach dem je Neuen, dem Neuesten, dem „Besseren“, dem Perfekteren, das jedoch leider, leider morgen früh schon wieder gestrig sein wird. Gerade die unaufhörlichen Innovationen erfordern auch erhöhte Leistungen. Natürlich werden diese belohnt, und nicht allein materiell, sondern ebensosehr durch die Befriedung dessen, was vor zwanzig Jahren „instrumentelle Vernunft“ hieß. Etwas „in Gang gebracht zu haben“ erfreut das Gemüt, eine Leistung vollbracht, einen Sieg errungen zu haben – das, außer dem entsprechenden Salär, stärkt das Selbstbewußtsein. Freilich ist der Preis dafür fatal. Berufssportler, die ihre Physis wie eine Maschine benutzen, ruinieren sie zugleich, denn der Zwang, den einen oder den anderen zu übertrumpfen, ist nicht in unserer Kondition angelegt. Und trotzdem können wir nicht aufhören, auf mechanische Weise hilflos gegen unsere Erfindungen zu konkurrieren. Dazu benutzt man wiederum raffiniertere Hilfsmittel, futuristische Sportgeräte, dem Gesetz der Symbiose treu.
Unser Lebensrhythmus hat sich enorm und bedenklich beschleunigt. Das Auto, das Flugzeug, die Bahn haben dazu beigetragen, und durch unsere Adaption an das Tempo muß etwas auf der Strecke bleiben, das der Geschwindigkeit nicht gewachsen ist: eine Eigenschaft, deren Bezeichnung man nur noch in Wörterbüchern findet: die Muße. Der geruhsame, fast meditative Umgang mit dem eigenen Ich verträgt keine Hast und Eile und läßt sich auch nicht kurzfristig im Karussell der täglichen Hetze reanimieren. Selbst in einen Bereich, wo Muße durchaus angebracht wäre, ist die Technik mit ihrer überdrehten Motorik eingebrochen: in die Sexualität. Aber die in öffentlichen Geständnissen gefeierte Häufigkeit besagter Gymnastik, der Boom der Sex-Industrie, die Umwandlung des deutschen Schlafzimmers in eine Porno-Show – all das trug zur Verflachung der Erlebnisintensität bei, abträglich einer vordem existenziell gehaltenen Erfahrung. Der Modellwechsel findet wie andernorts statt, wobei freilich die technischen Neuerungen relativ minimal sind, da der virtuelle, elektronisch vollzogene oder sollte man eher sagen vollstreckte Akt gegenwärtig einen noch zu teuren Aufwand erfordert. Es wird wohl noch ein Weilchen dauern, bis man der fiktiven Mona Lisa beischlafen kann – selbstverständlich um des Prestiges willen.
Tempo und Modellwechsel bedeuten allemal Einbuße an Wahrnehmung, und das keineswegs allein beim Autofahren. Aus dem anhaltenden Wechselbad zwischenmenschlicher Beziehungen kommt man weder kundiger noch weiser heraus. Und den Gipfelpunkt der rasch und beiläufig erledigten Befriedigung schafft das Telefon, durch welches man der Bekanntschaft mit einer Frau, Gott behüte einem Menschen, enthoben ist. Davon bleibt keine Spur zurück, die möglicherweise eine seelische Regung hervorrufen könnte. Ebenso verhält es sich mit unserem „Fernsehkonsum“, der zwar wenig nahrhaft ist, dafür aber, bedingt durch die endlose Bilderfolge, auch zum erinnerungslosen Verschwinden verdammt ist. Nicht der einzelne Beitrag wird dem Gedächtnis integriert, sondern einzig und allein die Abläufe, die schnellen Bilderfolgen, die Veränderung der Blickwinkel, und insofern stimmt Marshall MacLuhans Behauptung, das Medium sei die Message. Wahrhaftig: dieses Medium, indem es unsere gesamte Aufmerksamkeit verlangt, enteignet unsere Phantasie, unsere Reflexion und macht uns zum Zuschauer, aber auf totalitäre Art. Unsere Augen werden zu Kameralinsen, defensiv und unbeteiligt, auch wenn wir den Apparat abgeschaltet haben. Wie bloß haben wir vor Herrn Nipkows Scheibe die Welt gesehen und wie heute? Wir haben es vergessen, weil uns die Zeit zum Erinnern abhanden gekommen ist.
Dennoch bleibt die Technik über jeden Zweifel erhaben, solcher Gotteslästerung enthält man sich, da niemals das Monster selber für Unglück und Verderben verantwortlich ist, vielmehr ein unberechenbarer Faktor, genannt „menschliches Versagen“. Obwohl wir uns für die „Krone der Schöpfung“ halten, ist der Mensch die eigentliche Schwachstelle im Getriebe, bedingt durch seine archaische genetische Verfassung. Schuld ist eben, wie der Philosoph Günther Anders schrieb, „die Antiquiertheit des Menschen“. Wir selber haben uns auf einen Wettlauf mit unseren grandiosen Hervorbringungen eingelassen, der nach der Hase-Swinegel-Methode abläuft. Wo wir keuchend anlangen, ist der unsichtbare Gott bereits anwesend und überreicht uns höhnisch eine unverständliche Gebrauchsanweisung für den Umgang mit seinem Wesen. Der auf uns gemünzte Begriff „Verbraucher“ ist alles andere als ein Euphemismus, als eine neutrale Namensgebung – es ist, morgen werden wir es wissen, ein vernichtendes Charakteristikum. Wir verbrauchen, was wir erreichen und erlangen, und am Ende uns selber.
Mit der bekannten diktatorischen Presserubrik „IN“ und „OUT“ delektieren wir uns an den Hinrichtungen kurzlebiger Phantome, und wir würden uns kaum wundern, läsen wir unter der Überschrift „OUT“ die Bezeichnung „Homo sapiens“. Der unsichtbare Gott peitscht uns voran mit Computerspielen und Internet-Surfen und lädt uns ein zur Jagd auf das Moorhuhn (ist schon OUT), auf das uns die geistige Armseligkeit derartiger Belustigungen nicht bewußt werde. Die sogenannte „Spaßgesellschaft“ ist ja keineswegs eine, in der man sich gute Witze erzählt und über Lichtenberg und Ringelnatz noch lachen kann. Der „Spaß“ ist chipgespeichert und geistlos. Auf keinem Display wird je der Satz von Felix Pollak erscheinen: Ein Hellseher, der kein Schwarzseher ist, ist kein richtiger Hellseher. Und Herbert Marcuses Diktum von der hochtechnisierten Barbarei wird der Barbar, ob er Conan oder Max Müller heiße, von keinem Server und von keinem Kellner serviert bekommen.
Ein Gebet an den unsichtbaren Gott könnte mit den Worten beginnen: Unsere stündliche Unterhaltung gib uns heute so wie morgen und in alle Ewigkeit . . .Selbst der Heimatflüchtige wird, wo er auch anlangt, den Reiseführer vorfinden oder, schlimmer, den „Animateur“, um zu verhindern, daß er, der vor sich selbst Geflohene, der eigenen Unseligkeit eingedenk werde. Es darf keine Stunde der Besinnung eintreten, sonst ist der Urlaub versaut. Die Tourismus-Branche hat auf ihre bunten Fahnen Goethes Ausruf über den Augenblick geschrieben: Verweile doch, du bist so schön . . . Auf daß die Kette der „schönen“ Momente ja nicht abreiße und sich der Urlaubsverbraucher in einer Freiheit sieht, die ihm die Technik nicht an der Wiege gesungen hat.
Unmöglich, dem unsichtbaren Gott zu entgehen. Noch im hirnbetäubenden Gelärm des Techno-Sounds, von hochbezahlten Veitstänzern zelebriert, wird akustisch nichts sonst hörbar als das monotone Dröhnen von unaufhaltbaren Maschinen. Sind jene Autofahrer, die ihr Gefährt mit sechzehn Lautsprechern ausrüsten, Kranke? Nein, sie sind des unsichtbaren Gottes liebste Kinder, denn sie sind die geistig Ärmsten, denen das Himmelreich der Taubheit verheißen ist.
Dennoch sind wir nicht gegen Langeweile, Unbehagen, Ennui gefeit. Glücklicherweise sind ausreichend Drogen parat, mit denen wir uns ablenken können. Das Surrogat-Angebot für Leben ist umfassend und changiert zwischen Crack, Heroin, Sado-Maso, Sekte und keineswegs zuallerletzt der Droge „Gewalt“. Unentwegt wird deren Anstieg bedauert, aber in ihren wirklichen Ursprüngen oftmals verkannt. Die Gesundbeter der Talk-Shows blasen einem geneigten Publikum ihre unbrauchbaren Rezepte ins Ohr, als ob, was da Politiker und andere Narren von sich geben, praktizierbar wäre in einer Gesellschaft, deren Gewaltpotential ihren Bestand garantiert. Es wird ja auch nur gegen die individuelle Gewalt polemisiert, nicht gegen die von Amts wegen verordnete, weil letztere, da nicht definiert, sich der Kenntlichkeit entzieht.
Die individuelle Gewalt ist eine jämmerliche Flucht vor sich selbst in einen Aktionismus, mittels dessen man sich von einer drückenden Last zu befreien sucht, ein Fluchtversuch aus dem Getriebe, ohne Ahnung, daß man sich selber zur Last geworden ist. Gewalt ist der nach außen gekehrte Suizid, die Autoaggression, dem falschen Richtungsschild nach, Ergebnis eines „Versagens“, das eben wiederum nur technizistisch kapiert wird. Man hat in der Maschinerie versagt, vor dem unsichtbaren Gott, vor der Fremdbestimmung und ist dadurch für sich selber wertlos geworden, ein Verschleißteil, Ausschußware. Und unsere Sprache benennt es auch so: Er stand eben unter Druck. Er ist halt ausgerastet. Er hat die Kontrolle verloren. Er hat doch immer zur allgemeinen Zufriedenheit funktioniert – was soviel besagt, als daß die Allgemeinheit bereits außerstande ist, das Humanum als solches zu erkennen, und es unter den Betrieb subsumiert und es damit dehumanisiert. Ja, meine Lieben, bei dem ist eine Sicherung durchgebrannt, eine Schraube locker, ein Rad ab. Die Sprache derartiger Diagnosen verrät mehr über ihre Anwender als über den dergestalt zum Roboter Reduzierten.
Maschine und Mechanik, Technik und Technologie verfolgen uns auf
Schritt und Tritt, Erynnien, um uns unserer – so noch vorhandenen
– Individualität zu berauben und uns in einem politisch neutralen
Sinne „gleichzuschalten“. Diese „Gleichschaltung“ war vor dem
Erscheinen des unsichtbaren Gottes weder mit Feuer und Galgen noch
mit päpstlichem Segen und gutem Willen zu vollbringen, niemals
ließ sich ein Rest von mentaler „reservatio“ gänzlich beseitigen.
Erst die Technik hat uns zum „gläsernen Bürger“ gemacht und wird
bei ihren autonomen Fortschritten noch letzte Relikte des alten
Adam zutage bringen. Heute schon liegt unser Abbild in den
zehntausend Columbarien der Computer, unser Konsum Hustensaft ist
ebenso registriert wie unser Benzinverbrauch, unsere
Leichtfertigkeit beim Autofahren wie die Anzahl der uns
verbliebenen Zähne, unsere Depressionen wie unsere sexuellen
Präferenzen sind gespeichert, unsere Kreditwürdigkeit als des
Menschen wahre Würde, wie unsere durch Genußsucht beschränkte
Lebenserwartung. Demnächst wird ein uns implantierter Chip jedem
Vorgesetzten, jedem Polizisten, jeder potentiellen „Herzdame“ in
Nanosekundenschnelle mitteilen, was es mit uns auf sich hat. Und
wir werden, indem man unser Innerstes nach außen kehrt, diese
Entbergung lauthals begrüßen, weil sie uns die Kontrolle über
unsere Nachbarn oder sonstige Kontaktpersonen ermöglicht. Zu
unserer persönlichen Sicherheit, versteht sich, werden unsere
Geheimnisse erst rubriziert, um anschließend auf therapeutischem
Wege abgeschafft zu werden. Wir wollen ja sorgenfrei existieren,
nämlich von unserem Selbst entsorgt.
Schon fühlen wir uns auf öffentlichen Plätzen sicherer durch die
Kameras uns zu Häupten. Wir werden beobachtet und bewacht zu
unserem Wohle. Wir haben das gute Gefühl, daß in der Zentrale
Alarm ausgelöst wird, falls ein Flugpassagier das Gebäude verläßt
und seinen Koffer stehenläßt. Unnormales Verhalten, etwa
unbegründet nervöses Umhereilen, auffällige Bewegungsmerkmale,
stempeln uns zum Verdächtigen, um den man sich kümmern muß, denn
in der brave new world verweist abweichendes Gehabe auf latente
kriminelle Energie. Unbewußt – da unser Bewußtsein ohnehin ein
diffuses Etwas darstellt – vereinheitlichen wir sukzessive unsere
Motorik, gleichen uns einer vorgegebenen, maschinenerprobten
Normalität an, einer Norm, die alle Eigentümlichkeiten des einst
unkontrollierten Organismus als suspekt denunziert.
Wir sind vergeßlich. Und was uns daran erinnern könnte, was wir vergessen können, verfällt sowieso der Verdrängung, aktuell gesagt: dem Verdrängungsmechanismus. In einer weit zurückliegenden Vergangenheit hatten wir, die älteren Leute, ergo „Gruftis“, noch Märchen gelesen, in denen manche Weisheit verborgen lag, über die wir uns amüsierten, anstatt sie als Warnung zu verstehen. So erging es mir mit dem Märchen von Hans Christian Andersen „Der Schatten“, da ein Mann von seinem eigenen Schatten abgelöst wird. Der faktisch Vorhandene wird immer wesensloser, während sein Schatten an Realität zunimmt und am Ende gar die Braut des hinfällig Gewordenen heimführt. Ein wohl kaum zur Belustigung erdachtes Schicksal, eher eine trostlose Vorahnung, was geschieht, wenn man einen Pakt mit seinen „Entwürfen“ und „Projektionen“ schließt. Sie erlangen die Macht der Unentbehrlichkeit und nehmen zum schlimmen Schluß den Platz ihres Urhebers ein.
Der unsichtbare Gott hat einen zweiten Schöpfungsakt eingeleitet, ein Wunder, das in der Standardisierung seiner Geschöpfe besteht. Nahrungsmittel und Kleidung, „Unterhaltung“ und Fortbewegungsmittel, Architektur und Tourismus, jedes standardisierte Element aus seiner Hand standardisiert den Benutzer. Gewiß, der Vorgang hat nicht erst kürzlich begonnen. Nur daß die Übergänge von belebter und unbelebter Materie verschwimmen, ist ein Novum. Aber daß die Figuration des Menschen als Maschine begriffen wurde, hat uns schon die Aufklärung im 18. Jahrhundert vermittelt: Die Idee des homme machine hat sich ausgebreitet wie ein resistenter Virus. Als Geiseln unserer gnadenlosen Ratio sind wir unfähig, jenseits der Spekulationen und Kalkulationen der Naturwissenschaft die Zukunft abzusehen. Zwar haben wir von Prometheus das Feuer für James Watts Dampfmaschine empfangen, dabei ist uns jedoch bei der Übergabe das Kleingedruckte entgangen: „Fragen Sie nach möglichen Nebenwirkungen des Mittels zum Zweck Ihren Propheten oder Philosophen.“
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