| FRANKFURTER ALLGEMEINE SONNTAGSZEITUNG, 29.09.2002 |
Krieg den Sternen
Der Schriftsteller Norman Mailer über die Angst Amerikas und seine eigene Wiedergeburt als Kakerlake
Interview Georg Diez
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“... immerhin kapiert er, daß er selbst nicht der klügste Mann im ganzen Weißen Haus sein kann; sonst würde das Land von einem Haufen Idioten regiert werden.” |
FRAGE: Mister Mailer, willkommen
im Feindesland.
ANTWORT: Moment mal! Deutschland und Amerika
verbindet mehr, als Sie vielleicht denken. Das sind die
beiden saubersten Länder der Erde. Hygienisch gesehen.
FRAGE: Und selbst Gerhard Schröder kann an dieser
Verbundenheit nichts ändern?
ANTWORT: Schröder ist ein mutiger Mann. Er hat sich
den Amerikanern widersetzt. Und das war wichtig.
FRAGE: Ist das die neue Botschaft, die von Berlin
ausgeht?
ANTWORT: Ich kenne nur den alten Berliner Spirit,
und den liebe ich sehr. Als ich 1959 das erste Mal in
dieser Stadt war, saß ich auf einer Bank, und ein Kerl
stellte sich neben mich und sagte: "Sehen Sie den
Polizisten dort drüben? Ich bin sicher, der scheißt wie
ein Elefant." Allright, das ist die Botschaft, die von
Berlin ausgeht, das ist der Berliner Geist.
FRAGE: Sie haben also nichts gegen
Deutschland.
ANTWORT: Im Gegenteil. Vor ein paar Jahren habe ich sogar
darüber nachgedacht, nach Deutschland zu ziehen. Vor allem wegen der
Sprache. Mich fasziniert das Deutsche sehr, ich habe versucht, die
Sprache zu lernen. Aber das Sprache macht dich verrückt. Diese
Grammatik!
FRAGE: Ihre Eltern haben zu Hause nicht Jiddisch geredet?
ANTWORT: Nur wenn sie wollten, daß ich sie nicht verstehe. Aber
vielleicht habe ich aus meiner Kindheit noch eine vage Erinnerung an
den Klang der Sprache.
FRAGE: An was erinnern Sie sich aus der Zeit in den fünfziger
Jahren in Berlin?
ANTWORT: Ich habe in damals ein paar sehr wichtige Dinge
gelernt. Ich war zum Beispiel mit einer Frau befreundet, die in
einer Bar arbeitete. "Ich kann Männer nicht verstehen, die Scotch
trinken", sagte ich eines abends zu ihr - ich war ein strikter
Bourbon-Trinker. "Die Antwort ist einfach", sagte sie. "Männer, die
Scotch trinken, haben aufgegeben."
FRAGE: Berlin war voller Scotch-Trinker?
ANTWORT: Die Stadt war damals kaputt, zerstört, am Boden - aber
voller Energie, voller Leben, voller Kraft. Heute ist sie wieder
hergerichtet mit moderner Architektur: eine der Plagen der modernen
Welt übrigens und einer Gründe dafür, daß die moderne Welt so ein
Verhau ist. Es gibt ein Gesetz, das stimmt: Wenn man sich in dem
Gebäude, in dem man sich befindet, wohler fühlt als in dem Gebäude
auf der anderen Seite der Straße, dann wurde das Gebäude, in dem man
sich befindet, früher gebaut. Und daran leidet diese Stadt Berlin:
Schlimme, langweilige Architektur. Aber lassen Sie uns lieber von
Amerika reden.
FRAGE: In Ordnung. Mister Mailer, erklären Sie uns: Was ist Bushs
wahrer Plan?
ANTWORT: George Bush benutzt das Szenario eines Kriegs gegen den
Irak, um die Diskussion zu dominieren. Bush ist schamlos. Die
Amerikaner wissen sehr wenig über Terroristen. Für sie ist ein Land,
das Chemiewaffen herstellt, ungefähr so gefährlich wie ein Land, das
Selbstmordattentäter in Flugzeuge packt. Besonders schamlos beutet
diese Ignoranz die Republikanische Partei aus. Aber in dieser Partei
versammeln sich ja traditionell die Leute aus den kleinen Städten,
Banker, Rechtsanwälte, Bürgermeister - all die Leute, die einer
Witwe das Haus wegnehmen, in dem sie seit sechzig Jahren lebt.
FRAGE: Die Republikaner sind schlechte Menschen?
ANTWORT: Es macht den Republikanern nichts aus, häßliche Dinge
zu tun. Sie sind härter als die Demokraten. Die Republikaner lügen,
weil sie davon profitieren. Die Demokraten lügen, weil sie müssen.
FRAGE: Aber was ist nun Bushs Plan?
ANTWORT: Bush geht es um nichts als Kontrolle. Interessant dabei
ist, daß Bush Saddam so sehr haßt - und Saddam ist noch mehr an
Kontrolle interessiert. Aber der geplante Krieg der Republikaner hat
nichts direkt mit der Bedrohung durch den Terrorismus zu tun. Saddam
Hussein ist ein Monster, keine Frage, aber er ist kein Terrorist. Er
ist ein Mann, der totale Kontrolle will - und es wäre ein Desaster
für ihn, wenn Terroristen herumliefen, die er nicht kontrollieren
kann. Saddam spielt ein riskantes Spiel, er kann es sich nicht
leisten, sich mit unsicheren Partnern zu verbinden. Wenn ich also
ein Terrorist wäre: der letzte Ort, an dem ich sein wollte, wäre der
Irak. Aber auch Bush spielt ein gefährliches Spiel. Wenn Saddam so
eine Bedrohung ist, wie Bush sagt, dann macht er womöglich am Ende
das, wovor sie uns immer schützen wollten: Er benutzt seine
Massenvernichtungswaffen.
FRAGE: Das klingt alles sehr düster.
ANTWORT: Ich mache mir große Sorgen, das ist richtig. Oft genug
habe ich in den letzten Jahrzehnten davor gewarnt, daß Amerika auf
dem Weg in den Faschismus ist - und immer habe ich mich geirrt. Nun,
jetzt warne ich wieder.
FRAGE: Und der Plan von George Bush?
ANTWORT: Sie wollen wirklich eine Antwort? Lassen Sie uns anders
anfangen. Bushs Vorgänger Bill Clinton war sehr intelligent - er
hatte nur die Schwäche: daß er niemanden um sich haben wollte, der
so intelligent war wie er. Also war er umgeben von Leuten, die 95
oder 85 Prozent so intelligent waren wie er: Clinton war der
Anführer; und er war ein Arschloch.
FRAGE: Bitte?
ANTWORT: Die Skandale, der ganze lächerliche Mist. Clinton hat
seine Macht vergeudet - und er hatte noch einen anderen Fehler. Er
war nicht bereit, für irgendeine politische Idee sein Leben
einzusetzen. Er war ein Überlebenskünstler. Und einen Liberaler, der
nicht für seine Ideen sterben will, nennt man eben Politiker. Nun
kommt Bush daher - sein IQ ist nicht halb so hoch wie der von
Clinton, aber immerhin kapiert er, daß er selbst nicht der klügste
Mann im ganzen Weißen Haus sein kann; sonst würde das Land von einem
Haufen Idioten regiert werden. Also sucht er sich Leute, die klüger
sind als er: Cheney, Rumsfeld, Powell, Rice.
FRAGE: Worin besteht dann aber seine Macht?
ANTWORT: Ich glaube, er hat ein sehr gutes Ohr. Die meisten
Experten haben ja höchstens in der Hälfte der Fälle recht. Aber sie
sind ja Experten, also müssen sie dauernd Antworten parat haben.
Bush hört genau, wenn jemand nur Mist erzählt. Er hat einen
Mistdetektor. Also schwenkt er bei einem Treffen zu dem einen
Experten, beim nächsten Treffen zu dem anderen. Er swingt sich so
durch, er tänzelt durch die Weltpolitik - das ist übrigens sein
anderes Talent, eine sehr wichtige Gabe gerade in Amerika. Bushs
Bewegungstalent. Das habe ich so zu meinen Lebzeiten noch bei keinem
Präsidenten gesehen: Bush bewegt sich sehr grazil vor den
Fernsehkameras. Alles an ihm wirkt wie choreographiert, selbst wenn
er seinem Hund etwas in den Mund steckt. Mit einer natürlichen
Anmut, wie ein Ballettänzer. Als Tänzer hätte er der Menschheit
sicher mehr gebracht als als Präsident.
FRAGE: Mister Miller, nochmal: Was ist der Plan?
ANTWORT: Richtig. Also, hier ist meine Erklärung: Konservative
denken weiter voraus als Demokraten. Es gibt in Amerika zwei Arten
von Konservativen, zwei vollkommen unterschiedliche Spezies. Die
einen sind sehr einfache Konservative, die an die christlichen Werte
glauben, an die Familie, an Moral, an ein anständiges Leben; die
anderen Konservativen glauben an die Flagge, an die Macht des
Landes, an die Macht des Konsums, an die Macht des Geldes. Gier ist
ihr Gospel. Sie wollen die Macht, und sie benutzen die einfachen
Konservativen als ihre Basis. Bush ist einer von diesen
Flaggen-Konservativen. Ein wahrer Konservativer würde es nicht
zulassen, daß bestimmte Dinge passieren, die gegen seine Grundsätze
gehen. Seine Grundsätze sind wichtiger als das Land.
FRAGE: Will Bush das ganze Amerika oder die ganze Welt?
ANTWORT: Bush interessiert sich nicht für die Welt, sondern für
die amerikanische Kontrolle der Welt. Amerika soll die Welt nicht
besitzen oder besiedeln, Amerika soll die Welt in den nächsten
hundert Jahren dominieren. Und die Sorge der Konservativen ist
China. China hat das Potential, die USA in 30 oder 40 Jahren
abzulösen.
FRAGE: Wie das?
ANTWORT: Die Chinesen kommen besser mit der modernen Technologie
zurecht als die Amerikaner. Denn Technologie bedeutet doch vor
allem: Du hast weniger Spaß im Leben, aber dafür mehr Macht über das
Leben. Der Amerikaner interessiert sich nur für Spaß, so die
Argumentation der Flaggen-Konservativen, der Chinese interessiert
sich für Macht. Die amerikanischen Universitäten sind bereits fest
in asiatischer Hand, was die Naturwissenschaften betrifft. Dazu
kommt, daß die Amerikaner sich zu einem Volk von Legasthenikern
entwickeln - sie können nicht mehr richtig schreiben und damit nicht
mehr richtig denken. Amerika ist gegenwärtig auf drei Säulen gebaut:
das Militär, die Konzerne, der Sport. Im Stadion ist die Flagge
überall zu sehen.
FRAGE: Und Bushs Plan?
ANTWORT: Die Konservativen haben Angst vor China - und sie
wollen den Chinesen die Angst vor uns einbleuen. Also: Zeig ihnen
deine Stärke, zeig ihnen deine Brutalität. Vernichten wir einfach
mal ein Land! Das ist Bushs Botschaft an die Welt: Amerika ist ein
hartes, häßliches Land, don't fuck with them.
FRAGE: Und was ist gut an Amerika?
ANTWORT: Was immer gut war an Amerika: das Volk. Es existiert
eine Art von Freiheit, die ich sonst nirgendwo kenne. Alles ist so
einfach in diesem Land, alles ist so entspannt. Sogar Menschen mit
unterschiedlichen politischen Auffassungen kommen gut miteinander
aus. Es gibt eine Tradition von Freiheit und Bürgerrechten, die
immer noch wirksam ist. Die "New York Times" etwa war jahrelang
nicht mehr so engagiert und kritisch wie in den letzten Monaten in
ihrem Widerstand gegen die Bush-Politik.
FRAGE: Woher kommt dann diese Kriegslaune?
ANTWORT: Das Land ist verletzt. Und Bush ist ein "Buttonpusher",
jemand, der es versteht, bestimmte Reaktionen zu stimulieren. Er ist
ein schlechter Mensch: Bush verwendet das Wort "böse" fünfzehnmal.
Aber "böse" ist ein schwieriges Wort, man braucht sein ganzes Leben,
um herauszufinden, was es Wort bedeutet.
FRAGE: Sie sprechen jetzt auch von den Anschlägen vom 11.
September.
ANTWORT: Natürlich. Die Menschen hatten danach ganz einfach
Angst - etwas, das sie bislang nicht kannten. Und das löste bei
vielen eine Identitätskrise aus: Gottes Land, das sicherste Land der
Welt, das auf einmal mit ansehen mußte, wie eines seiner Symbole mit
solch einem Mut und solch einer, wie manche sagen, Brillanz zerstört
wurde. Angst und Schrecken der einfachen Menschen sind starke
historische Faktoren. Ein Schock wie der des 11. Septembers kann den
Charakter eines Landes durchaus verändern. Und diese Angst gab es so
in Amerika bislang nicht. Vergessen Sie nicht, bei all unserer Macht
sind wir ein einfaches, unschuldiges Volk.
FRAGE: Wovor haben die Amerikaner denn Angst?
ANTWORT: Daß sie im Schlaf von Terroristen getötet werden. Es
existiert aber gleichzeitig ein großes Schuldbewußtsein, das sich
mit dieser Angst verbindet. Amerika ist ein zutiefst christliches
Land, das von einer schweigenden Mehrheit und deren kleinstädtischem
Glauben bestimmt ist, daß materieller Gewinn nicht alles ist. Und
trotzdem tun diese Leute alles, so viel Geld wie möglich zu
verdienen. Das Resultat ist ein schlechtes Gewissen, das sie
spirituell in eine Zwickmühle bringt. Einer der einflußreichsten
Evangelisten sagte nach dem 11. September, daß die Anschläge ein
Gottesurteil gewesen seien.
FRAGE:Es gibt Amerikaner, die denken, daß der 11. September eine
gerechte Strafe war?
ANTWORT: Es war ein entsetzliches Ereignis, aber vielleicht, so
diese Logik, wollte Gott uns etwas zeigen. Im letzten Jahrzehnt hat
sich das Land stark verändert: mehr Militär, mehr Spiele, mehr Geld.
Das Ende der Sowjetunion schuf eine Zuversicht, die die Aktien in
schwindelerregende Höhen trieb. Und die Menschen begannen, Geld zu
ihrem Lebensinhalt zu machen. Das wiederum hat eine Schuldspirale
angetrieben: Die Menschen hatten ein schlechtes Gewissen, weil sie
so viel Geld mit Aktien verdienten - aber aufhören konnten sie auch
nicht, das Geschäft lief ja so prächtig.
FRAGE: Sie haben nie Aktien besessen?
ANTWORT: Eine Weile lang hatte ich einen Finanzmakler. Eines
morgens rief der mich an und sagte, ich hätte gerade zehntausend
Dollar verdient. Zehntausend Dollar! Früher habe ich so viel Geld
für einen Roman bekommen, an dem ich zwei Jahre gearbeitet hatte.
Wie sollte ich jemals wieder die Energie haben, mich um meine Arbeit
zu kümmern, wenn das Motiv verschwunden war, damit Geld zu
verdienen? Ich würde nie mehr schreiben können! Ein paar Tage später
rief der Mann mich nochmal an und sagte, ich hätte gerade
zehntausend Dollar verloren. Fein, sagte ich, zur Hölle. Und seitdem
habe ich mit dem Aktienmarkt nichts mehr zu tun.
FRAGE: Sie als Romanautor können uns vielleicht erklären: Was
geht im Kopf eines Terroristen vor?
ANTWORT: Viele der Terroristen, habe ich gehört, sind sowohl
gläubige Moslems als auch Leute, die trinken und Drogen nehmen. Für
mich, als Romanautor, nicht als Terrorexperte, macht das Sinn: Das
sind Menschen, die am Rande ihres eigenen Todes leben - und damit
immer im Extrem. Extremisten des Lebens wie des Sterbens. Die
unglaubliche Wut, die die Terroristen entwickeln, läßt sich nur
damit erklären, daß es im eigenen Sterben etwas gibt, das größer,
wichtiger, bleibender ist als das eigene Leben, das klein ist,
unbedeutend und nichtig. Sie treibt eine Wut gegen das Leben selbst.
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