| FAZ, 28.06.2002 |
Neuromania
Wer bekommt Gedächtnisdrogen? Was geschieht mit Gehirnfilmen? Sind wir fernsteuerbar?
Von Christian Schwägerl
Irgendwann, in zwanzig, hundert oder zweihundert Jahren, steht
der Menschheit ein Tag bevor, der alle Meilensteine der
Wissenschaft, ob Mondlandung oder Humangenomprojekt, in den
Schatten stellt - vorausgesetzt, die Grundannahmen der
Neurobiologie stimmen. Es ist der Tag, an dem der neuronale Code
geknackt ist, an dem zum ersten Mal das menschliche Gehirn sich
selbst und sein eigenes Wirken vollständig versteht.
Die
wichtigste Grundannahme der Neurobiologie besteht darin, daß es
für alle subjektiven Erlebnisse - für das Bewußtsein, das Ich, die
sogenannte Seele, das Fühlen, das Erinnern - eine Entsprechung auf
der Ebene der Moleküle und der Neuronenblitze gibt. Erinnerungen
sind durch Proteine verstärkte Nervennetze; Gefühle
Neuronengeflacker in bestimmten Gehirnregionen: die Seele
vielleicht eine Summation selbstreferentiell vertakteter
Schaltungen in der Großhirnrinde. Die Gesetzmäßigkeiten, die aus
einem Embryo ein Ich werden lassen, sind von galaktischer
Komplexität, doch sollten sie sich durchblicken lassen, werden die
Kräfte der Molekularbiologie, der Genforschung, der
Stammzellwissenschaft und der Informatik gebündelt. Dann läge das
Zentrum jedes Menschen offen da - ein Traum jedes Mediziners, der
Krankheiten des Gehirns heilen möchte, ein heiliges Buch für jeden
Psychologen und Philosophen, der den Menschen verstehen möchte.
Noch ist die Neurobiologie von ihrem Endziel enorm weit entfernt, so weit, daß niemand die fehlende Wegstrecke zu beschreiben vermag. Forscher können zwar zum Beispiel detailliert berichten, wie ein Orchester aus Genen und Proteinen Erlebnisse und Fakten im Gehirn verankert. Auf die gewichtige Frage aber, wie diese Erinnerungen abgerufen werden, woher die Bilder längst vergangener Ereignisse kommen, zucken sie mit den Schultern: Darüber weiß man sehr wenig. Auch die Biologie der Sinneswahrnehmung stecke noch in den Kinderschuhen, heißt es: das Hören etwa, ein großes Rätsel. Vom Kern des Menschlichen, dem Selbstbewußtsein, gibt es derzeit nur skizzenhafte biologische Modelle. Das Gehirn besteht aus 100 Milliarden vernetzten Zellen. Die besten Labormodelle, die eine detaillierte Messung der Nervenaktivität erlauben, sind nicht größer als sechzig Zellen.
Die Bescheidenheit vieler Neurobiologen kann aber nicht über ihre Fortschritte hinwegtäuschen. Die Neurotechniken, mit denen das Gehirn heute untersucht wird und morgen manipuliert werden könnte, werden mit großer Geschwindigkeit besser und leistungsfähiger. Dies ruft nun eine neue Spezies von Kritikern auf den Plan. Die Warnungen, daß die Gehirnforschung eine riesige Herausforderung für Politik und Gesellschaft werden könnte, häufen sich. Sie stammen bezeichnenderweise nicht von Technologiepessimisten wie Bill Joy, nicht vom Betroffenenkonzern Greenpeace und nicht von religiös motivierten Verwahrern natürlicher Ordnungen. Zu Wort melden sich Technologiefreunde wie der amerikanische Bioethiker Arthur Kaplan, der sagt: "Die Gehirnforschung wird eine größere Herausforderung als die Genetik." Der Direktor des Max-Planck-Instituts für Hirnforschung, Wolf Singer, sieht das juristische Konzept von Schuld und Verantwortung gefährdet, sobald die biologischen Programme im Gehirn entschlüsselt sind. Die aufgeklärte und meist optimistisch denkende Redaktion der britischen Zeitschrift "The Economist" publiziert düstere Szenarien. Nicht nur die Privatsphäre sei durch die Neurobiologie bedroht, sondern gar der freie Wille. Die Gehirnforschung scheint äußerst geeignet für eine Runde sorgfältiger Beratungen durch Bioethikräte.
Wie zum Beweis, daß Sorgen angebracht sind, präsentierten Forscher der State University of New York vor kurzem ein neues Tier: die "Roborat", eine quietschlebendige Ratte, die sich mittels implantierter Elektroden vom Computer aus fernsteuern läßt. Bewegt der Experimentator seinen Joystick nach rechts, wandert auch das Tier nach rechts. Wird der Hebel kräftig nach vorne gedrückt, bleibt die Ratte auch an hellen Plätzen, die sie sonst meidet. Ein Albtraum, würde man einem Soldaten solche Implantate aufzwingen. Illegal solle die Technik beim Menschen sein, sagte einer der beteiligten Wissenschaftler - ein beruhigender Hinweis?
Natürlich sind Menschen keine Ratten. Sie stehen nicht einfach als Versuchstiere zur Verfügung und schon gar nicht bei Implantaten, für die man das Gehirn aufbohren muß. Manipulation ist, zumindest derzeit, per Fernseher oder Internet viel leichter zu machen. Dennoch verdient es größte gesellschaftliche Aufmerksamkeit, wie die Wissenschaft das menschliche Gehirn erobert. Sie mag langsam voranschreiten, aber bisher haben sich keine prinzipiellen Hürden aufgetan. Im Gegenteil: neue Instrumente und Methoden machen möglich, was bisher futuristisch klang.
Das Gehirn wird sichtbar. Biologen drehen Filme der Gehirnaktivität eines Menschen. Sie können Probanden beim Denken, Fühlen, Erinnern von außen zuschauen und grob bestimmen, welche Gehirnregionen bei Trauer, beim Sex oder beim Lügen in Aktion treten und welche nicht. Neue Markersubstanzen erlauben es, den Weg von Informationen durch das Nervensystem nachzuzeichnen. Mit Zwei-Photonen-Mikroskopen lassen sich selbst einzelne Synapsen beobachten. Die nächste Generation von Supercomputern wertet das Flackern im Neuronennetz bioinformatisch aus, erkennt Regelmäßigkeiten, Taktmuster. Eine globale Datenbank solcher Gehirnfilme könnte es schon bald erlauben, normale und krankhafte oder auffällige Muster der Gehirnaktivität zu unterscheiden. So ließen sich Depressive und Aggressive, vielleicht auch Musiker und Memoristen maschinell klassifizieren.
Die molekularen Prozesse im Gehirn werden transparent und mit Hilfe von Biochips nahezu in Echtzeit meßbar. Je mehr über das Zusammenspiel von Genen, Botenstoffen und Proteinen im Gehirn bekannt wird, desto mehr Möglichkeiten zur Intervention bieten sich. In Deutschland arbeiten Forscher an einer kompletten Beschreibung der Proteine des Gehirns. Der Nobelpreisträger Eric Kandel verwandelt seine Forschung über die genetische Steuerung des Gedächtnisses bereits in bare Münze: Die Firma mit dem beeindruckend futuristischen Namen "Memory Pharmaceuticals" will schon bald Produkte auf den Markt bringen, die Gedächtnisschwächen im Alter ausbügeln sollen.
Die Kräfte der Gehirnerneuerung werden beherrschbar. Bis vor kurzem galt es als Dogma der Neurobiologie, daß im Gehirn keine neuen Zellen entstehen. Sensationelle Arbeiten am Salk Institute in La Jolla zeigten das Gegenteil. Das Gehirn regeneriert sich aus Stammzellen des Hippocampus. Gelingt es, diese Erneuerung zu steuern, könnte das Gehirn zu Höchstleistungen angeregt werden.
Die Verkabelung von Mensch und Maschine wird denkbar. Am Max-Planck-Institut für Biochemie wurde ein Interface zwischen Computerchips und Nervenzelle geschaffen. Das amerikanische Verteidigungsministerium finanziert die Entwicklung eines implantierbaren Neurochips.
Diese Trends bedeuten viel Arbeit für die Neurobioethiker der Zukunft. Wie immer bei neuen Technologien sind die Verheißungen groß: Eine bessere medizinische Versorgung steht an erster Stelle. Schon heute aber sind Sorgen weit verbreitet. Sensible Daten könnten mißbraucht werden, etwa vom Staat oder vom Arbeitgeber. Die neurotechnische Verbesserung mache den Menschen zum Manipulationsprodukt. Und unser Selbstbild einer autonomen, freien Persönlichkeit zerschelle, wenn Bewußtsein und Geist als "nur" molekular beschrieben werden könnten. Wie berechtigt die Sorgen sind und wie schwer sie gegen die großen Verheißungen wiegen, gilt es herauszufinden. In der Tat sollte niemand Angst haben müssen, daß sein Gehirnscan beim Arbeitgeber landet oder ein Arbeitgeber selbst solche Scans anordnen darf. Wer würde noch zu einer Untersuchung gehen, wenn ihm solches drohte? Der mögliche Mißbrauch liegt auf der Hand und das nötige Gegenmittel, ein strengerer Datenschutz, auch.
Sollte man indes auf tiefe Blicke ins Gehirn und auf Kognitionsmedikamente verzichten, weil ein Mißbrauch möglich ist? Der Politologe Francis Fukuyama warnt bereits vor "Super-Prozacs", einer neuen Generation molekularer Präzisionswaffen in der Art des Depressionsmittels Prozac, die Stimmung und Emotionen aufhellen könnten - auch bei Gesunden. Jeder, der von einer schweren Depression betroffen ist, wird ein "Super-Prozac" begrüßen, wenn es chemische Ungleichgewichte in seinem Gehirn wieder in Ordnung bringt. Doch soll es bei Gesunden eine Tabuzone um das Gehirn geben, in die keine neuartigen Designer-Moleküle eindringen dürfen? Warum sollten Gedächtnis-Stimulantien nicht auch Gesunden zur Verfügung stehen? Ist es problematisch, wenn Individuen sich für ihre eigene biomedizinische "Verbesserung" entscheiden? Daß man Neurotechniken nicht einsetzen dürfte, um die Intelligenz eines Menschen zu mindern, liegt auf der Hand. Warum aber sollten Alkohol und Tabak erlaubt, neue nebenwirkungsfreie Kognitionsbooster dagegen verboten sein? Wenn gezielte Eingriffe das Denken beschleunigen können, wenn Bewußtseinserweiterung ohne schädliche Nebenwirkungen machbar würde - könnte es sein, daß der Nationale Ethikrat dies eines Tages gutheißt? Wenn die Biologie es erlaubt, vom Zufall der Evolution gesetzte Schranken der Gehirnkraft zu sprengen, dürften Eltern diesen Sprung ihren Kindern vorenthalten?
Schreitet die Neurobiologie in ihrem heutigen Tempo voran, wird ihre philosophische Seite rasch in den Vordergrund treten. Die Forschung wird die biologischen Korrelate des Ich-Gefühls, des Selbstbewußtseins, der Entscheidungskraft und der Emotionalität des Menschen beschreiben. Geist und Seele werden als neuronale Muster, als atemberaubende Galaxien des Molekularen aus den Datenmengen der Wissenschaftler hervorschimmern. Muß dies aber wirklich eine schreckliche Ernüchterung sein? Werden wir uns nicht vielmehr über unsere Komplexität freuen dürfen? Könnte endlich die kulturell überlieferte kollektive Schizophrenie, die Aufspaltung des Menschen in banalen Körper und edlen Geist, enden? Optimisten sehen einen entscheidenden Evolutionssprung voraus: Erst wenn der Mensch sein Erkenntnisorgan genau kenne, erst wenn die Moleküle und Neuronenmuster des Bewußtseins kontrollierbar seien, werde wahre Freiheit erreicht.
Die Neurobiologie produziert, wofür das menschliche Gehirn von der Evolution optimiert wurde: Fragen über Fragen. Am elitären Salk Institute entwickelt der Gehirnforscher Terrence Sejnowski mit seinen Studenten ein virtuelles Gehirn, ein Modell des Geistes im Computer. Sejnowski muß eine Frage beantworten, die bisher nur im Science-fiction gestellt war: "In welchem Stadium dürfen wir den Computer nicht mehr abschalten?"
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