| FRANKFURTER RUNDSCHAU, 27.03.2004 |
Nährboden des Terrors
Die Mehrzahl der mutmaßlichen Attentäter von Madrid kommt aus Marokko. Aber es sind offenbar nicht die Ärmsten der Armen, die zu menschenverachtenden Taten bereit sind.
Von Axel Feiel (Madrid)
Wenn die Psychologen Recht haben, die das typische Täterprofil eines
Al-Qaeda-Terroristen zu erstellen versuchen, dann ist Marokko geradezu
der ideale Nährboden für Attentäter. Gut ausgebildete Angehörige der
Mittelschicht, die sich erniedrigt fühlen von den Mächtigen im eigenen
Land und den als noch mächtiger erlebten Regenten der westlichen
Industrienationen: Das ist der Fundus, aus dem zur Gewalt entschlossene
Islamisten Gefolgsleute zu rekrutieren pflegen. Wobei natürlich noch
eines hinzukommen muss, die Entschlossenheit zur menschenverachtenden
Tat.
An gut ausgebildeten jungen Menschen, die enttäuscht sind, die sich um
ihre Zukunft betrogen fühlen, fehlt es im Reich Mohameds VI. auf alle
Fälle nicht. Etwa 35 Prozent der Schul- und Hochschulabgänger finden
dort keine Arbeit. Schlimmer noch. Sie sehen keine Chance, jemals einen
dem Bildungsniveau gemäßen Beruf ausüben zu können. In der UN-Statistik
rangiert der von Armut ausgezehrte Maghrebstaat weit abgeschlagen auf
dem 123. Platz. Geld und Beziehungen sind bei der Vergabe der wenigen
attraktiven Arbeitsplätze entscheidender als Wissen und Können. Glanz
verbreiten in Marokko vor allem die Königspaläste des Landes und die im
Satellitenfernsehen gezeigten Bilder vom "reichen, aber moralisch
verkommenen Westen".
In dieser Umgebung finden diejenigen, die im Namen Allahs Hass predigen
und zum Heiligen Krieg aufrufen, ein Echo. Umfragen des
US-amerikanischen Pew Research Centers zufolge stößt der Westen in
Marokko auf noch größere Ablehnung als in Pakistan. Zwei Drittel der im
Maghrebstaat Befragten halten Anschläge auf Truppen der Alliierten in
Irak für gerechtfertigt und vermuten Erdölinteressen hinter dem
US-Feldzug gegen den Terrorismus.
Dass die meisten der nach den Anschlägen vom 11. März Festgenommenen
Marokkaner sind, fügt sich ins Besorgnis erregende Bild. Nicht minder
passt, was über das Vorleben der Verhafteten an die Öffentlichkeit
gedrungen ist. Von zwei der in Polizeigewahrsam oder Untersuchungshaft
sitzenden Marokkanern sind Einzelheiten bekannt geworden. Der eine der
beiden, Jamal Zougam, versteht sich demnach hervorragend auf
Informationstechnologie. Der andere, Abderrahim Zbakh, hat an der
Universität Tetuan ein Chemiestudium abgeschlossen und an der Hochschule
offenbar auch den Umgang mit Sprengstoff erlernt.
So nahe liegend allerdings der Verweis auf den in Marokko so günstigen
Nährboden für Terrorismus ist, er reicht nicht aus, um das Massaker von
Madrid zu erklären. Sicherlich war das Gros der mutmaßlichen Täter
marokkanischer Herkunft. Ein Blick auf die Lebensumstände der
Verhafteten offenbart aber, dass es die meisten in Spanien zu Arbeit,
Ansehen, ja einen gewissen Wohlstand gebracht hatten. Da leitete etwa
einer der Festgenommenen ein gut gehendes
Bekleidungsgroßhandelsgeschäft. Ein anderer, jener Jamal Zougam, betrieb
einen schwunghaften Handel mit Mobiltelefonen und verdiente nebenbei
auch am Betrieb eines Call-Centers. Fast alle der in Spanien
festgenommenen Marokkaner sind im Besitz einer Aufenthaltserlaubnis und
galten als gut integriert.
Wenn das von Psychologen erstellte Täterprofil stimmt, dann hat offenbar
alle Verankerung in der spanischen Gesellschaft nichts geändert an
diesem Gefühl, ungerecht behandelt, ja erniedrigt zu werden, als Muslim,
als Araber, als Marokkaner. Wobei die mutmaßlichen Täter der Anschläge
vom 11. März bei aller Anpassung an das Gastland den Kontakt zur Heimat
gepflegt haben. Spaniens Terrorexperten verfolgen eine Vielzahl von
Spuren, die von Madrid nach Casablanca führen, zu Hintermännern der dort
am 16. Mai 2003 verübten Selbstmordanschläge. Am Freitag schließlich
wurden in Marokko mehrere Personen im Zusammenhang mit den Madrider
Anschlägen festgenommen.
Marokkos König Mohamed VI. hatte nach den Attentaten von Casablanca das
"Ende der Nachsichtigkeit" angekündigt. Mit Sondergesetzen,
Verhaftungswellen und Todesurteilen versucht der Monarch den zur Gewalt
bereiten Islamisten beizukommen. Zugleich fördert der König die
Modernisierung der Gesellschaft. Gegen den Willen konservativer Kreise
setzte er ein frauenfreundliches Familienrecht durch und nahm mäßigenden
Einfluss auf den Religionsunterricht. Armut, Arbeitslosigkeit,
Vetternwirtschaft und Korruption bestehen freilich fort.
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