| DIE ZEIT, 30.10.2003 |
Matthias Platzeck in der Reihe "Ich habe einen Traum"
Aufgezeichnet von Marc Kayser
Als
wir unsere Erdumlaufbahn erreichen, darf ich mich endlich
abschnallen. Meinen Anzug, den Helm, die vielen Drähte und
Versorgungsschläuche, die beim Start so furchtbar auf mir gelastet
haben, spüre ich auf einmal nicht mehr. In Schwerelosigkeit, denke
ich, müsste man auf der Erde auch ab und an mal schweben können.
Vielleicht fühlt sich ja dann nicht nur das Körpergewicht, sondern
auch manche irdische Last ganz leicht an – wer weiß?
Mein Traum handelt davon, einmal Mutter Erde verlassen zu haben
und zu sehen, wie dieses sagenumwobene Blau auf mich wirkt, von
dem alle Raumfahrer bei ihrer Rückkehr berichten. Es ist ein
wunderbares Gefühl, wie die Zeit stehen zu bleiben scheint, wenn
sich mein Raumgefährt fast unsichtbar vorwärts bewegt und dabei
meinen Heimatplaneten umkreist. Seit ich Ministerpräsident von
Brandenburg bin, vermisse ich ein Gefühl sehr stark: Zeit zu
haben, für Hobbys, für Träume.
Aus Kinder- und Jugendzeiten kenne ich noch sehr gut die Namen der
Flugkörper, Tiere und Menschen, die die Erde in Richtung Kosmos
verließen: Sputnik, Apollo, die Hündin Laika, der Kosmonaut Jurij
Gagarin und die erste Frau im Weltall, Walentina Tereschkowa, die
Erdumkreisung von Glenn, das Mondvehikel Lunochod. Ich hatte
aufgrund meines Alters nur vage Vorstellungen davon, was es
bedeuten könnte, das Weltall zu erforschen. Am 20. Juli vor 34
Jahren betrat Neil Armstrong den Mond – welch eine Sensation!
Damals, mit 15 Jahren, dachte ich: Ob ich da jemals hinkommen
würde?
Aber näher als der Kosmos lag die Welt jenseits der Mauer, hinter
der ich aufwuchs. Stacheldraht, Betonplatten, Selbstschussanlagen
und Minenfelder zu überwinden, das weite Land und die Welt
dahinter kennen zu lernen – das, dachte ich, wäre wohl meine erste
Mondlandung. Als es dann so weit war 1989, fühlte ich mich, als
begänne ich eine Reise, die der in einen fremden Kosmos nicht
unähnlich wäre: fremdes Territorium, fremde Sprachen, fremde
Sitten. Ja, ich bin nach meinem Zwangsaufenthalt in meiner Heimat
DDR von den Fremden gut aufgenommen worden – aber vorhersehen
konnte man das natürlich nicht. Viel zu ungenau und vernebelt
waren die Vorstellungen, viel zu einseitig und politisch verbrämt
schilderte man mir die andere Welt jenseits des Sozialismus, die
mir damals so entsetzlich fern schien wie die Weiten des Alls.
Obwohl damit beschäftigt, das dumpfe Gefühl der Unwissenheit
abzustreifen, das Neuland sozusagen unter den Pflug zu nehmen,
schwang bei meinen vielen Ausflügen in Richtung Westen immer ein
Traum mit: Wenn die Natur dieser Welt schon so facettenreich ist,
wie sieht dann erst die Welt jenseits meiner Vorstellungskraft
aus? Ich hielt meinen Traum allerdings immer mit festen Zügeln.
Mich allzu sehr vergaloppieren in Richtung Unendlichkeit, das
wollte ich auch nicht. Einmal auf den Mond, dachte ich, einmal von
oben auf die Meere, Inseln und Kontinente sehen – das muss als
Ziel erst mal erreicht werden.
Politik machen heißt ja auch, dass man sich freiwillig der Mühe
unterwirft, mit beiden Beinen fest auf der Erde zu stehen.
Visionen spielen in der Politik ja längst nicht mehr die Rolle,
wie es vielleicht zu Zeiten der beginnenden Industrialisierung
oder in den Epochen zuvor gewesen sein mag. Die Menschen haben
sich heute doch größtenteils eingerichtet in dieser Gesellschaft,
der die Wirtschaft den Takt vorzugeben scheint. Machbar ist, was
man bezahlen kann, könnte man meinen, der Rest bleibt erst einmal
(leider) Utopie. Dennoch gestatte ich es mir, Gedanken, die die
Zukunft sein könnten, freie Bahn zu geben. In meinem Traum bin ich
zwar in dieser Weltraumkapsel; ich reise mehrmals um die Erde –
ja, ich betrete sogar den Mond. Doch passiert noch etwas
Spannenderes: Ich werde das Opfer eines Zeitstrudels, der mich in
die ferne Zukunft zieht und mir einen Blick auf mein Land von
morgen eröffnet.
Da erstaunt mich eines ganz besonders: Das Bewusstsein der
Menschen gegenüber ihrer natürlichen Umwelt hat sich verändert.
Nicht mehr der Mensch gibt der Natur den Takt vor, sondern er hat
sich mit seiner Umwelt »geeinigt«. Energien werden ausschließlich
aus Wind, Sonne und Wasser gewonnen; Flächen, die heute
brachliegen, weil die Produktion von landwirtschaftlichen Gütern
niedrig gehalten werden soll, sind rekultiviert worden; Felder,
Wiesen und Wälder haben ihre natürlichen Gestalten wiedergewonnen
und haben nicht mehr künstlich-zerstückelte Formen. Kriege um
Wasser und Energie, wie wir sie heute befürchten müssen, haben die
Menschen zur Einsicht gebracht, dass man sich niemals an etwas
vergehen darf, aus dem man kommt und von dem man lebt.
Dass es John Glenn nicht aushielt und er mit 77 Jahren noch einmal
ins All startete, zeigt mir, dass es »da oben« eine andersartige
Energie geben muss, die einen so in den Bann zieht, als sei man
willenlos geworden. All jene, die von ihren Weltraumabenteuern
zurückkehrten, sprachen von einer Sucht, die sie befallen habe und
von der sie wohl niemals mehr loskämen. Ich stelle mir vor, dass
man mit dem so viele Kilometer überwindenden Blick aus dem Weltall
auf die Erde einen neuartigen Abstand von sich und seinem
bisherigen Leben mit Schule, Arbeit und Karriere bekommt:
Vielleicht definieren sich die Probleme auf Erden von da oben nur
noch als nichtig und klein. Ich will es wissen. Ich will nach
oben.
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