| FAZ, 10.06.2002 |
Kinderspiele für Millionen
KASSEL, im Juni. Aus der Not haben Alfons Scheitz und
Oliver Strube nicht nur eine Tugend, sondern auch einen
unternehmerischen Erfolg gemacht. Die beiden Väter, die einst
nicht wußten, wie sie Kinderbetreuung, Beruf und Familie
miteinander vereinbaren sollten, haben mehrere Tabus gebrochen.
Sie haben gezeigt, daß Männer in die Frauendomäne der
Kinderbetreuung einbrechen können und daß Kinderbetreuung eine
Dienstleistung ist, die leistungsgerecht bezahlt wird - also nicht
ganz billig ist. Sie haben der Kinderbetreuung das Büßerhemd des
Karitativen abgestreift und ein zeitgemäßes Familienmanagement
entworfen. Der Weg dorthin war allerdings steinig.
Den
Vorwurf des Ausbeutertums, des Geldverdienens mit Kindern,
Schmierereien an ihrem Bürohaus mußten sich die beiden
Sozialpädagogen in Kassel gefallen lassen. Der Umsatz der "Impuls
Soziales Management GbR", die Scheitz und Strube gehört, wuchs
trotz allem von 250 000 Euro Mitte der neunziger Jahre auf mehr
als drei Millionen Euro. Inzwischen profitieren Eltern, Kommunen
und Betriebe von ihrem Pioniergeist.
Zehn Jahre sind vergangen, seitdem Scheitz und Strube vergebens
nach einem Hortplatz für eine sechs Jahre alte Tochter und nach
Kindergartenplätzen für zwei Kinder suchten, die damals drei Jahre
alt waren. Die Väter, die in ihren Familien den Rollentausch
vollzogen hatten, setzten ihrer Ratlosigkeit durch Eigeninitiative
ein Ende. Sie inserierten in der örtlichen Zeitung, daß sie selbst
einen Kindergarten eröffnen wollten, suchten eine geeignete
Immobilie und begeisterten den Eigentümer für deren Umbau. Schon
nach wenigen Wochen konnte die "Kindertagesstätte Oase e. V."
eröffnen. Die Oase arbeitete von Beginn an kundenorientiert und
nach betriebswirtschaftlichen Kriterien. Die Öffnungszeiten wurden
den Wünschen der Kunden angepaßt, bestimmte Leistungen wie das
Catering auch Dritten angeboten.
Es war, als hätten Scheitz und Strube in ein Wespennest gestochen.
Vorwürfe, die gleichermaßen in Kapitalismuskritik wie in einem
konservativen Familienbild wurzelten, prasselten auf sie ein,
während die Nachfrage wuchs. Denn nicht nur andere Familien oder
"Lebensgemeinschaften" wollten Kinder und Karriere unter einen Hut
bringen. Auch immer mehr Unternehmen entdeckten das Bedürfnis
ihrer Mitarbeiter, Arbeits- und Familienleben miteinander zu
verbinden. Vor allem, wenn Eltern wußten, daß ihre Kinder gerade
unbeaufsichtigt waren, arbeiteten sie unkonzentriert, und
Arbeitsunfälle mehrten sich. Wichtige Mitarbeiter zogen es ihrer
Kinder wegen vor, den Arbeitsplatz zu kündigen. Eine der ersten
betrieblichen Kindergartengruppen, die mit Hilfe der beiden
Kasseler Berater entstand, nannte sich "Die Kleinen Stromer" im
Haus der Energie Aktiengesellschaft Mitteldeutschland (EAM) in
Kassel.
Schließlich mußten auch die Kommunen hinzulernen, weil politische
Anspruchshaltungen und Verkrustungen die Gesetze des Marktes und
der Betriebswirtschaft nicht außer Kraft zu setzen vermochten,
betriebswirtschaftliche Orientierung letztlich auch im
öffentlichen Dienst einsetzen mußte. Etwa 1,5 Millionen Euro,
schätzen die Kasseler Unternehmer, könne eine mittelgroße Stadt im
Jahr durch die Verbesserung ihres Kindergartenangebotes sparen.
Erzieherinnen, die eine Einrichtung leiten wollten, müßten zu
Managerinnen qualifiert werden. Schließlich setze eine Tagesstätte
mit hundert Kindern 500 000 Euro im Jahr um und beschäftige
zwanzig Mitarbeiter.
Scheitz und Strube übernahmen das Management für immer mehr
Kindergärten und Horte an Grundschulen, das von der Entwicklung
des pädagogischen Konzepts bis zur Personalführung und Buchhaltung
reicht. Zugleich bauten sie ihre Beratungstätigkeit aus. Ihre
Tagessätze haben heute das Niveau von Unternehmensberatern. Auch
darin lag ein Tabubruch. Doch irgendwann setzte sich unter den
Kunden die Erkenntnis durch, daß Berater, die für einen niedrigen
Lohn arbeiten müssen, auch eine entsprechende Leistung bieten.
Die Liste der Kunden und Partner der Kasseler Unternehmer ist
lang. Sie reicht vom Caritas-Verband und dem Diakonischen Werk
über die Europäische Zentralbank, Lufthansa, die Fraport AG und
Volkswagen bis zu Kommunen und Kreisen, Ministerien, Universitäten
und Wohnungsbaugesellschaften. Die Eltern, sagen die
Kindergartenmanager, sind anspruchsvoller geworden, halten es
heute oft für selbstverständlich, daß Leistung ihren Preis hat,
und sind eher bereit, dafür auch zu zahlen. Etwa 35 bis 60 Prozent
der Eltern wünschten mittlerweile einen zweisprachigen
Kindergarten, in dem die Kinder spielerisch Englisch lernen
könnten. Auch Flexibilität im Kindergarten bei grundsätzlich
längeren Öffnungszeiten gehört längst zum Standard. Der
Kindergarten des Klinikums Kassel hat beispielsweise von sechs bis
22 Uhr geöffnet. Regelmäßig werden die Eltern befragt, ob die
Öffnungszeiten noch stimmen. Scheitz und Strube stellen in den
Kindergärten "Infoterminals" auf, an denen sich die Kinder beim
Kommen und Gehen ein- und ausloggen. Damit wird der
Betreuungsbedarf erfaßt. Die günstige Kern- und kostbarere
Randzeit kann leistungsgerecht abgerechnet, Personaleinsatzplanung
und Verwaltungsarbeit können vereinfacht werden.
Ihren komfortabelsten Kindergarten haben Scheitz und Strube für
die Wintershall AG konzipiert, die zu den erfolgreichsten
internationalen Unternehmen auf dem Feld der Exploration und
Förderung von Gas und Erdöl gehört. Der Kindergarten ist bisher
zweisprachig, aber "Russisch kommt noch", sind sich Scheitz und
Strube sicher. Hier werden Kinder im Alter von sechs Monaten bis
zu zwölf Jahren betreut. Die Regelöffnungszeit beginnt um sieben
und endet um achtzehn Uhr, aber eine Betreuung ist auch nachts
oder am Wochenende im Haus der Eltern möglich. Der Kindergarten
arbeitet ohne öffentliche Unterstützung.
Scheitz und Strube wissen, daß ihre eigentliche Kundschaft, die
Schar der Kinder, kleiner wird, während die Erzieherinnen älter
werden und heute gesucht sind. In Ostdeutschland sollen die
Erzieherinnen im Durchschnitt schon älter als 50 Jahre sein, in
westdeutschen Kommunen 46 Jahre, in kirchlichen Einrichtungen 44
und in freien Kindergärten etwa 40 Jahre. Mit dem steigenden
Durchschnittsalter werden immer mehr Erzieher aus dem Beruf
ausscheiden, und weil der Nachwuchs fehlt, mangelt es auch an
neuen pädagogischen Konzepten. Dennoch sind Scheitz und Strube
zuversichtlich: "Unsere Zukunft liegt in den Problemen der
anderen." Der Millionenumsatz ist ein Kinderspiel.
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