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DIE ZEIT, 31.01.2002


Maybrit Illner in der Reihe "Ich habe einen Traum"


In meinem Traum sehe ich einen Büroturm aus Glas und Stahl – das Hauptquartier der Versicherungsgesellschaft, für die ich als Brandspezialistin arbeite. Mein Chef beauftragt mich mit der Aufklärung eines vermeintlichen Versicherungsbetruges in einem ostdeutschen Dorf. Vor ein paar Tagen ist ein Mitarbeiter namens Martin Aumühle in dieses Dorf gefahren, um sich eine abgebrannte Scheune anzusehen. Schadenssumme 20 000 Euro. Der (verheiratete) Kollege hat sich seither nicht mehr gemeldet. In der Firma wird vermutet, er sei mit seiner Geliebten durchgebrannt. Ich mache mich auf den Weg in das Dorf mit dem seltsamen Namen Lebus.
Der Tag ist düster, die Straßen sind feucht. Ich cruise durch den Nebel. Mein Navigationssystem versagt. Kein Gegenverkehr auf der mit Schlaglöchern übersäten Straße. Ich treffe auf einen Truck, der am Straßenrand liegen geblieben ist. Er hat einen Kunststoffpool geladen, dessen Seychellenblau leuchtend aus der grauen Folie der verregneten Landschaft heraussticht. Der Fahrer wollte die Pannenhilfe rufen, aber sein Handy kriegt kein Netz. Meins auch nicht. Ich verspreche, Hilfe zu schicken, sobald ich im Dorf angelangt bin.
Lebus ist ein Dorf, an dem die vergangenen 20 Jahre anscheinend spurlos vorbeigegangen sind. Kaum ein Mensch auf der Straße. Verblichene Propagandalosungen an den Mauern der Ex-LPG. Der unrasierte Dorfpolizist beäugt mich mißtrauisch. Im Dorfkrug erwidert niemand meinen Gruß. Ich erkundige mich nach dem Versicherungsnehmer Scherfenspieler, dem Bauern mit der abgebrannten Scheune. Widerwillig beschreibt mir der Wirt den Weg. Ich berichte von dem liegen gebliebenen Truck. Der Wirt verspricht, einen Kfz-Meister zu benachrichtigen.
Der Bauer und sein etwa 30-jähriger Sohn beobachten mich, als ich in den verkohlten Trümmern herumklettere. Ich erkenne sofort, daß es sich um Brandstiftung handelt. Die beiden haben ihre Scheune selbst angesteckt! Von meinem Kollegen Martin Aumühle haben sie noch nie etwas gehört. Wie dem auch sei – meine Mission in Lebus ist beendet.
Kurz hinter dem Dorf bleibe ich mit dem Wagen liegen. Das Handy ist immer noch tot. Ich muß die Nacht in Lebus verbringen.
Ich nehme ein Zimmer im Gasthof. Gegen Mitternacht wache ich auf. Der junge Scherfenspieler steht in meinem Zimmer – mit dem Rücken zu mir. Er kramt in meiner Aktentasche, liest meine Aufzeichnungen. Als ich ihn zur Rede stelle, sieht er mich seltsam an. Dann fragt er: „Sie halten uns für Versicherungsbetrüger?“ – Ich nicke. Der junge Mann lächelt traurig. Er erklärt, er werde seinem Vater das Gegenteil sagen: „Ich werde ihm sagen, für Sie ist die Sache in Ordnung, und die Versicherung wird zahlen.“ – „Wieso?“ – „Weil ich Sie mag!“ Der junge Mann verläßt mein Zimmer. In dieser Nacht kann ich nicht mehr schlafen.
Am nächsten Morgen hole ich meinen Wagen aus der Werkstatt. Ich sehe mich ein bißchen um und entdecke einen BMW ohne Nummernschild. Aus irgendeinem Grund weiß ich sofort: Der Wagen gehört meinem Kollegen Martin Aumühle. Auf dem Hof der Werkstatt stehen etliche Nobelkarossen ohne Kfz-Kennzeichen. Langsam wird mir dieses Lebus unheimlich.
Ich verlasse das Dorf. Im Vorbeifahren sehe ich Kinder, die in einem großen blauen Swimmingpool baden, den es hier gestern noch nicht gab. Die Kinder lachen und quietschen. Ihre Eltern sehen ihnen bei ihrem Spiel zu. Es gibt einen langen Tisch mit Kaffee und Kuchen. Es ist ein sehr schönes Bild.
Zurück in Berlin, erkläre ich meinem Chef, es gebe keinen Versicherungsbetrug. Er glaubt mir. Ich weiß nicht, warum ich das getan habe. Noch immer keine Spur von Martin Aumühle. Ich bedauere sein Verschwinden nicht, weil ich ihn nie gemocht habe.
In einer Bibliothek stelle ich Nachforschungen über das Dorf Lebus an. Zunächst stoße ich in Lokalzeitungen auf Meldungen über Personen und Fahrzeuge, die in der Nähe von Lebus verschwunden sind. Über die Jahre gibt es immer wieder Notizen über das Abhandenkommen eines Tanklastzuges, eines Lkw, der Nähmaschinen transportiert hat, eines Viehtransportes und so weiter. Die Bibliothekarin bringt mir eine alte Chronik. Ich lese: Vor ein paar hundert Jahren betätigten sich vermeintlich friedliche Landwirte des Dorfes als Wegelagerer und Totschläger. Ihr Oberhaupt hieß Andreas Balthasar. Immer wieder verschwanden in der Nähe des Raubnestes Fuhrwerke und Postkutschen! Die Chronik bildet einen Steckbrief ab, der den Räuberhauptmann zeigt. Der Mann sieht aus wie der alte Scherfenspieler!
Mein Chef zitiert sich zu sich. Er hat Besuch von einem Kriminalkommissar, der aussieht wie mein alter Philosophieprofessor Kranepuhl. Der Mann fragt mich nach Martin Aumühle, nach den Scherfenspielers, nach meinen Beobachtungen in Lebus. Ich weiß nicht, warum ich ihm nicht die Wahrheit sage, aber ich teile ihm nichts von meinen Erlebnissen mit. Der Kriminalkommissar fordert mich auf, ihn nach Lebus zu begleiten.
Ein Konvoi von Polizeifahrzeugen macht sich auf den Weg. Ich sitze im Wagen des Kommissars. Als wir in dem Dorf eintreffen, ist es verlassen. Keine Menschenseele ist zu sehen. In einem alten Stallgebäude findet die Polizei ein Lager mit gestohlenem Gut: Waschmaschinen, Teppiche, Kühltruhen voller Lebensmittel. Aber in dem Dorf ist kein Mensch mehr. Der Himmel ist azurblau. Es ist ganz still.
Am nächsten Tag ruft ein Reporter vom Kölner Express bei mir an. Er will einen Artikel schreiben, in dem er mich der heimlichen Sympathie mit einer Räuberbande und der Begünstigung von Straftaten bezichtigt. Er hat schon eine Stellungnahme der GdP eingeholt, die sehr kritisch ist. Ich erkläre ihm, daß das alles nur ein Traum war. Der Reporter versteht mich nicht.

Maybrit Illner wurde 1965 in Ostberlin geboren. Nach ihrem Journalistikstudium arbeitete sie zunächst als Sportreporterin und Moderatorin beim Fernsehen der DDR. 1992 begann sie als politische Redakteurin beim Ostdeutschen Rundfunk Brandenburg, bevor sie als Moderatorin und Redaktionsleiterin zum „Frühstücksfernsehen“ des ZDF wechselte. 1999 übernahm sie die Moderation der politischen Talkshow „Berlin Mitte“, bei der sie kürzlich ein viel beachtetes Interview mit Bundeskanzler Schröder führte. Hier träumt sie von einer gefährlichen Recherchereise zu seltsamen Versicherungsbetrügern.

 

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