| FRANKFURTER RUNDSCHAU, 16.10.2003 |
Der ineffiziente Markt
Kollektive Güter müssen vor Staatsabbau geschützt werden
Von Julian Nida-Rümelin
Die Zeit der kapitalistischen Expansion, der Gründerjahre und der ersten Globalisierung der Wirtschaftsräume war zugleich eine Epoche des Staatsabbaus. Erst als die kapitalistische Expansion in den humanen, politischen und wirtschaftlichen Katastrophen des zwanzigsten Jahrhunderts endete - Erster Weltkrieg, Weltwirtschaftskrise, Stalinismus und Nazismus, Zweiter Weltkrieg -, kam es zu einer Renaissance der Staatstätigkeit in Gestalt einer aktiven Konjunktur- und Sozialpolitik. Wir leben erneut in einer Phase rasanten Staatsabbaus. Die Globalisierung ist nicht so weit vorangeschritten wie Anfang des 20. Jahrhunderts, die sozialstaatlichen Strukturen sind stabiler als in der Weltwirtschaftskrise Ende der 20er Jahre, auch die deutsche Demokratie kann heute als gefestigt gelten. Dennoch: Die Konkurrenz um private Investitionen schnürt im Wettbewerb um niedrige Kapitalbesteuerungen und Arbeitskosten den staatlichen Haushalten die Luft ab. Eine Krise des Sozialstaats und der Politik ist die Folge.
Drei Sorten öffentlicher Güter
In dieser Situation herrscht Verwirrung über die Aufgaben des Staates.
Die Ideologie des Marktradikalismus propagiert einen unbegrenzten
Staatsabbau. Nur der Markt ist effizient, der Staat dagegen ineffizient.
Dieser einseitigen Perspektive ist entgegenzuhalten, dass der Markt
äußerst ineffizient ist, wenn es um die Bereitstellung kollektiver oder
öffentlicher Güter geht. Dies aber ist die eigentliche Aufgabe des
Staates. Es gibt ganz unterschiedliche Arten kollektiver Güter, darunter
Umweltgüter, Kulturgüter und soziale Güter. Das Gemeinsame ist, dass sie
auf dem freien Markt nur unzureichend zur Verfügung gestellt werden.
Dies ist weder in der ökonomischen noch in der politischen Theorie
umstritten. Umstritten ist, welche Schlussfolgerungen daraus in der
Politik gezogen werden sollten.
Der Nobelpreisträger für Ökonomie, James Buchanan, der für das, was als
Reagan-Revolution gerühmt und bekämpft wurde, eine wichtige Rolle
spielte, spricht von einem constitutional und einem post-constitutional contract, auf dem demokratische Gesellschaften
beruhen. Der constitutional contract sichert diejenigen
individuellen Rechte, die für eine freiheitliche Gesellschaft
unerlässlich sind, der post-constitutional contract dagegen
sichert Kooperation: Er trägt dem politischen System die Aufgabe auf,
dafür zu sorgen, dass diejenigen Güter zur Verfügung stehen, die durch
individuelle Vertragsfreiheit und Markt-Beziehungen allein nicht
gesichert werden können.
Ein Beispiel dafür sind Umweltgüter. Jeder hat ein Interesse an sauberer
Luft. Daraus zu schließen, dass jeder einzelne Haushalt und jede
einzelne Unternehmung ein Interesse daran hat, die Luft rein zu halten,
ist jedoch ein Trugschluss. Der eigene Beitrag zur Luftverschmutzung ist
jeweils so gering, dass derjenige, der diese Luftverschmutzung
verursacht, dadurch keine oder nur vernachlässigbar geringe Nachteile in
Kauf nehmen muss, während die Vorteile in finanzieller Hinsicht oder an
Bequemlichkeit sehr groß sein können.
Auch wenn Menschen oder Unternehmen von moralischen Motiven geleitet
werden (in diesem Fall im Interesse die Luft rein zu halten), so kann
sich doch ein geordnetes Staatswesen auf moralische Sensibilität und
Opferbereitschaft allein nicht verlassen. Wenn individuelles Verhalten
der Akteure, wenn der freie Markt allein nicht in der Lage ist, dieses
wertvolle Gut reine Luft herzustellen, dann muss der Staat tätig werden.
Er tut das in Form von Grenzwerten zulässiger Emissionen, finanziellen
Anreizen für umweltschonende Produktion etc. Staatsabbau in diesem
Bereich heißt Verlust an Lebensqualität. Das Beispiel zeigt, dass eine
verbreitete Begrifflichkeit, die kollektive Güter mit dem
"produzierenden Staat" in Verbindung bringt in die Irre führt. Es ist
nicht notwendig, dass der Staat selber als Produzent kollektiver Güter
auftritt. Es genügt in vielen Fällen, dass er die Rahmenbedingungen des
Handelns von Bürgern, Haushalten und Unternehmen zielgerichtet und
konsequent gestaltet. Soziale Leistungen kann man zu einem Teil als
individuelle Güter ansehen. Wo keine staatliche Versicherung existiert
oder wo diese nicht ausreicht, bieten Versicherungsunternehmen
Leistungen bei Krankheit oder im Alter an. Die Leistung des
Sozialstaates insgesamt ist jedoch ein kollektives Gut. Die Tatsache z.
B., dass Deutschland zu den Ländern der Welt mit der niedrigsten
Armutsquote gehört, ist ein wesentliches Element einer insgesamt
zivilen, befriedeten Gesellschaft. In den oft verspotteten
Mittelschichtgesellschaften Skandinaviens oder auch Deutschlands waren
und sind die sozialen Spannungen weniger ausgeprägt. Marxisten galt dies
in der Regel als eine trickreiche Verschleierung des Klassengegensatzes,
die das System zwar stabilisiere, aber nicht wirklich humanisiere.
Diese Kritik übersah, in welchem Umfang staatliche Transferleistungen zu
einer ganz realen, praktizierten Humanität beitragen. Bei ihrem Abbau
steht mehr auf dem Spiel als eine Verschleierungstaktik des
Kapitalismus, nämlich die mühsame Balance zwischen wirtschaftlicher
Effizienz und Konkurrenzfähigkeit auf der einen und sozialer Stabilität
auf der anderen. Von sozialer Stabilität profitieren nicht nur die
Empfänger von Sozialleistungen, sondern die Gesellschaft insgesamt. Wenn
in der wohl ökonomisch stärksten Region der Welt, in Kalifornien, der
Staat mehr Geld für Gefängnisse als für Schulen ausgeben muss, da die
Kriminalitätsrate um ein Vielfaches höher ist als in Deutschland, dann
leiden darunter nicht nur die unmittelbaren Opfer kriminellen
Verhaltens, sondern in Gestalt von Verunsicherung, eingeschränkter
Bewegungsfreiheit, Sorge um die Kinder, hohen Aufwendungen für
Sicherheitsmaßnahmen, Leben in gated communities etc. so gut wie alle.
Kultur- und
Bildungsgüter haben einen individuellen, aber auch kollektiven
Charakter. Die kulturelle Verfasstheit ist mehr als die Addition
individuellen Kulturkonsums. Künstlerische Kreativitätspotenziale sind
für die gesamte Gesellschaft von Bedeutung, nicht nur für die Besucher
von Museen und Galerien. Die Grundlagenforschung mit ihrer langen
zeitlichen Perspektive und unsicherer ökonomischer Nutzbarmachung wird
von den einzelnen Akteuren auf dem Markt nicht oder nur in geringem
Umfange nachgefragt. Leistungen in der Grundlagenforschung sind schon
deswegen ein kollektives Gut, weil diese durch Publikationen in
öffentlich zugänglichen wissenschaftlichen Zeitschriften zu
Allgemeinbesitz werden. Der "Kommunismus des Wissens" ist für eine
dynamische Wissensgesellschaft unverzichtbar.
Die urbane Qualität unserer Städte ist ein kollektives Gut, dessen
Qualität in hohem Maße davon abhängt, wie öffentliche Räume gestaltet
sind und welche Rolle sie im städtischen Leben spielen. Privatisierung,
Kommerzialisierung und verkehrliche Nut-zung sind die drei Totengräber
öffentlicher Räume und damit der urbanen Qualität. Museen, Theater,
Volkshochschulen und Stadtbibliotheken sind, auch wenn diese Gebühren
erheben, kollektive Güter: Niemand wird von ihrer Nutzung
ausgeschlossen, und die Öffentlichkeit hat ein Interesse daran, dass
diese Einrichtungen florieren.
Überbewertung individueller Kräfte
Der Staatsabbau muss dort seine Grenzen haben, wo es an die Substanz
kollektiver Güter geht, von denen hier nur drei Typen Umwelt, soziale
Sicherheit und Urbanität genannt wurden. Die Marktgesellschaft tendiert
zu einer Überbewertung individueller Kaufkraft und zu einer
Unterbewertung kollektiver Güter. Demokratische Politik legitimiert sich
durch die direkte und indirekte Bereitstellung kollektiver Güter.
Kollektive Güter können durch staatliche Aktivitäten, in denen der Staat
als Produzent auftritt, sichergestellt werden oder durch eine Gestaltung
der Rahmenbedingungen, die die marktliche Konkurrenz dazu zwingt,
kollektive Güter zu sichern oder bereitzustellen. Während im
traditionellen Politikverständnis die erste Aufgabe im Vordergrund
stand, sollte eine moderne Politik die ordnungspolitische Strategie
einschlagen, nachdem sich herausgestellt hat, dass in weiten Bereichen
die Effizienz des Staates als Produzent zu wünschen übrig lässt.
Öffentliche Armut bei privatem Reichtum, der nun auch in Deutschland
zunehmend ungleich verteilt ist, heißt eben nicht nur, dass die
staatlichen Institutionen an Auszehrung leiden, sondern dass die
allgemeine Zugänglichkeit kollektiver Güter beschnitten wird. Eine
humane Gesellschaft verlangt eine Einhegung des Marktes und seine
ordnungspolitische Strukturierung. Die allgemeine Zugänglichkeit
öffentlicher Güter schafft einen kulturellen und sozialen Zusammenhalt,
der für eine vitale Demokratie unverzichtbar ist.
Öffentliche Güter setzen der Kommerzialisierung Grenzen. Öffentliche
Güter nehmen die Bürgerinnen und Bürger nicht nur als Konsumenten,
sondern als Kooperationspartner wahr. Öffentliche Güter verlangen nach
einer dynamischen Zivilgesellschaft, in der staatliche Institutionen das
Kooperationsgefüge der Bürgerschaft stützen und dieses nicht ersetzen.
Öffentliche Güter verlangen nach einem normativen Grundkonsens, der
ihren Wert und die Kriterien ihrer Förderung beistimmt. Öffentliche
Güter sind Ausdruck einer Demokratie, in der Freiheit, Gleichheit und
Gerechtigkeit, Solidarität und Kooperation einen hohen Stellenwert
haben.
Am morgigen Freitag
findet im Deutschen Bundestag die mit Spannung erwartete Abstimmung über
die Reformen zum Sozialstaatssystem statt. Auch wenn es dabei nicht
ausdrücklich um kulturelle Güter oder Institutionen geht, die auf dem
Spiel stehen, so steht doch unbestreitbar auch eine künftige
Staatskultur zur Disposition.
Julian Nida-Rümelin tritt im folgenden Beitrag für
ordnungspolitisch gezogene Grenzen beim Staatsabbau ein, um kulturelle
Güter zu sichern und zu schützen. Julian Nida-Rümelin ist Professor für
Philosophie an der Universität Göttingen und war von 2001 bis 2002
Staatsminister für Kultur der Bundesrepublik Deutschland.
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