| DIE ZEIT , 17.11.2005 |
Botschafterin des Elends
Die Lepraärztin Ruth Pfau erhält den Marion Dönhoff Preis 2005
Von Rupert Neudeck
Am Samstag, dem 15. Juli 1944, schrieb die kleine, zum Zerbersten neugierige
Anne Frank in ihr Tagebuch: »Es ist für mich ganz ausdrücklich unmöglich, mein
Leben auf den Fundamenten von Chaos, Leiden und Tod aufzubauen. Ich sehe, wie
sich die Welt ganz langsam in eine Wildnis zurückverwandelt. Ich höre das
Donnergrollen, das uns eines Tages auch vernichten wird. Ich fühle die
Schmerzen und Leiden von Millionen. Und wenn ich hier auf den Himmel schaue,
dann habe ich dennoch das Gefühl, dass etwas sich zum Besseren wandeln wird.«
Für Ruth Pfau hat sich mit dieser Lektüre immer eine ganz eigene Erinnerung
verbunden. Anne Frank wurde am 12. Juni 1929 in Amsterdam, Ruth Pfau am 9.
September 1929 in Leipzig geboren. Anne wurde im Alter von sechzehn Jahren in
einem KZ in ein Massengrab geworfen. Ruth Pfau kam durch die Wirren des
Krieges, der BDM-, dann der FDJ-Zeit in Leipzig bis nach Pakistan und konnte
dort eine große, reiche Erfahrung machen.
Die Erfahrung der Lepraärztin Ruth Pfau ist maßgeblich von der deutschen
Katastrophe von 1933 bis 1945 geprägt. Sie war vier Jahre alt, als die Nazis
an die Macht kamen. Ihre Anne Frank hieß Gabi, ein jüdisch geborenes Mädchen
aus ihrer Schulklasse, mit dem sie eng befreundet war. Es war nach der
Reichskristallnacht verschwunden.
Ruth Pfau hat erlebt, wie Regierungen wegschauten, wenn sie mit dem Elend der
Leprösen konfrontiert waren. Anfangs hat sie in Pakistan Leprakranke aus
Höhlen geholt, wie jene 14-jährige Adina, die von der Dorfgemeinschaft wegen
ihrer Krankheit zwei Jahre gefangen gesetzt war. In einer Höhle eingemauert,
zweimal zwei Schritte im Quadrat. Der Vater hatte seine eigene Tochter
verstoßen. »Da kauerte sie, halbnackt, zitternd vor Kälte«, erzählt Ruth Pfau.
»Ich zog meinen Pullover aus, das Mädchen stülpte ihn sich über, zog ihn bis
zu den Knien.« Die Leute um Ruth Pfau nahmen Adina mit, sie konnte kaum noch
laufen. Binnen weniger Jahre war sie geheilt, aber schon bevor es so weit war,
lernte sie mit unbändiger Energie in Gilgit die Umgangssprache Sheena und
lernte Auto fahren. Schließlich hat sie geheiratet und wurde Mutter mehrerer
Kinder.
Heute kann man die Lepra auch in fortgeschrittenem Stadium behandeln. Je
früher die Krankheit erkannt wird, desto größer sind die Chancen, dass die
Opfer geheilt werden können, bevor Entstellungen, an Gesichtern, Händen und
Füßen, sichtbar werden. Es ist das historische Verdienst Ruth Pfaus, dass sie
diese Erkenntnis im Entwicklungsland Pakistan in jahrzehntelanger mühsamer
Kleinarbeit zum Allgemeingut gemacht hat. Heute hat sich in der Bevölkerung
weitgehend durchgesetzt, dass Lepra kein Fluch Allahs ist, sondern eine
normale Krankheit, die man mit den Mitteln der Medizin besiegen kann.
Auschwitz und Golgatha geben ihr – nach eigenem Bekenntnis – den Weg vor, der
sie schließlich nach Karatschi in Pakistan führt. Ruth Pfau beginnt nach 1948
mit dem Studium der Medizin in Mainz, dann in Marburg. Ihre erste Stelle
bekommt sie an der städtischen Klinik von Winterberg im Sauerland. Von dort
kommt sie nach Paris, wo sie als Novizin in den Orden der Töchter des Herzens
Mariae eintritt.
Ruth Pfaus Lebensmotto lautet: »Ama et fac quod vis« – »Liebe, und dann tue,
was du willst«. Diese Botschaft des Kirchenvaters Aurelius Augustinus führt
sie bis nach Pakistan, Indien, Kaschmir, Afghanistan. Sie lebt mit Muslimen,
Hindus und wenigen Christen in Pakistan zusammen. »Wir dürfen«, sagt Ruth
Pfau, »dem Islam nicht vorwerfen, dass er als Religion zur Verfolgung
Andersgläubiger neigt.« Das hätten wir ja im christlichen Abendland ähnlich
betrieben.
Seit dem schrecklichen Erdbeben ist die Not noch größer. Für Ruth Pfau ist
jeder willkommen, der helfen will – auch die pakistanische Armee, auch die
Soldaten der Bundeswehr. Ein bewegendes Erlebnis im pakistanischen Teil
Kaschmirs in diesen winterlichen Tagen: ein sechs Wochen altes Baby. Die
Mutter, unter dem eingestürzten Dach verschüttet, hatte den Säugling durch ein
Loch hinausgereicht und gesagt: »Ich komme hier doch nicht mehr lebend
heraus.« Sie war an der Hüfte eingeklemmt und starb nach 20 Minuten. Ruth Pfau
fährt das Baby nach Rawalpindi. »Ich glaube, wir bringen es durch.«
Wie geht das, als Deutsche seit 45 Jahren ununterbrochen in Pakistan? Länger
noch als Albert Schweitzer im afrikanischen Lambarene?
Ruth Pfau wird 1960 von ihrem Orden als Ärztin nach Indien geschickt. Man
empfiehlt ihr, nach Karatschi zu gehen und dort auf das Visum zu warten. So
kommt sie in das Land, das in den Erschütterungen nach der Trennung von Indien
1947 unabhängig wurde. Hier trifft sie, wie sie sagt, in einem wahrlich
grauenvollen Slumviertel »ihre große Liebe«: verelendete, verunstaltete,
hilflos dahinvegetierende Leprakranke. Ruth Pfau bleibt, hilft in all den
Jahrzehnten mit ihren Leuten 157 Lepraambulanzen aufzubauen, von denen das
Erdbeben jetzt 38 zerstört hat. 1979 wird sie vom pakistanischen
Staatspräsidenten zur nationalen Beraterin im Rang einer Staatssekretärin für
das Lepra- und Tuberkuloseprogramm ernannt.
Wer sich Rat holen will in den Fragen der Entwicklungspolitik, der sollte zu
dieser Ärztin gehen: Sie hat nur praktische Antworten. Und konkrete Erfolge.
Die Lepra ist noch nicht in ganz Pakistan besiegt, aber sie geht zurück.
Gleichzeitig hat Ruth Pfau schon begonnen, die anderen Geißeln der Völker, die
Tuberkulose und die Blindheit, in Pakistan zu bekämpfen.
Mit wem lässt sich diese Ruth Pfau vergleichen, frage ich mich. Mir fällt Dr.
Rieux in Albert Camus’ Schlüsselroman Die Pest ein. Der Pestarzt Rieux ist auf
der Suche nach den wahren Ärzten. Aber er begegnet nur wenigen. Deshalb hat er
sich entschlossen, sich »jederzeit auf die Seite der Opfer zu stellen, um den
Schaden zu verringern«. Das ist der Weg der Ruth Pfau.
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