| SÜDDEUTSCHE ZEITUNG , 12.09.2005 |
Ausländer gegen Inländer - Bloß nicht werden wie die Deutschen!
Von Sonja Zekri
Bei Deutschen wächst die Angst, bei Ausländern wächst die Angst - die Gesellschaft ist in der Sackgasse: Die Konfrontationen um den Zugang zum angeblich übervollen Boot, in dem wir alle sitzen, offenbaren nur eines: die Konkurrenz der Verlierer.
Es wären auch ohne den 11. September
keine rosigen Zeiten geworden, aber seit die Terror-Angst die Welt in Atem
hält, haben alle Vorbehalte gegenüber Ausländern - und Vorbehalte gab es
immer - einen neuen, alarmierten Ton angenommen. Seit Madrid und London, seit
die Gefahr näher zu rücken scheint, ist das Verhältnis zwischen Ausländern
und Deutschen mehr als nur ein Verteilungskampf: Auf beiden Seiten wächst die
Angst - um Werte, um Freiheit, ums nackte Leben, und es ist diese Angst, die
den Graben zwischen Ausländern und Deutschen unter allen Gräben, die die
Republik durchziehen , vielleicht zum gefährlichsten von allen macht.
Importbräute und Schulklassen, in denen kaum ein Schüler deutsch spricht, hat
es lange vorher gegeben. Es war der Republik herzlich gleichgültig. Nun aber
werden die Nischen der Parallelgesellschaft als undurchschaubare
Krisengebiete gesichtet.
Noch herrschen hierzulande paradiesische
Zustände verglichen etwa mit jenen in Paul Haggis' Film "L.A.
Crash". Dort, in Los Angeles, hassen Weiße Schwarze und Schwarze Weiße,
hassen Chinesen Iraker und Latinos Chinesen, Rassismus ist in der Luft, die
sie atmen, und in dem Boden, auf dem sie stehen, er ist so gnadenlos offen
und so unausrottbar, dass man sich im Kino ein paar Minuten akklimatisieren
muss. Das ist Amerika, es ist weit weg. Nur: Wird das so bleiben?
Es gibt seit Jahren "National
Befreite Zonen" in Deutschland, in die sich besser kein Ausländer wagt,
und es gibt neuerdings Jugendliche, die sich die Stimme Adolf Hitlers als
Klingelton auf ihr Handy laden. Zwanzig Prozent der Deutschen, so eine Studie
der Universität Bielefeld, stimmen dem Satz zu: "Es leben zu viele
Ausländer in Deutschland". Der niedersächsische CDU-Ortsvorsitzende
Jürgen Bregulla aus Pohle nannte Ausländer in Deutschland einen "Tumor",
der "wegoperiert" werden müsse. Gelegentlich klagen selbst
vermeintlich liberale Publizisten darüber, dass Ausländer dem Staat auf der
Tasche liegen und massenhaft in die "Sozialsysteme" einwandern.
Gewerkschaftsmitglieder aus der Mittelschicht sind anderthalb mal häufiger
rechtsextrem als Nicht-Gewerkschafter, so eine Studie der Hans-Böckler- und
der Otto-Brenner-Stiftung. Xenophobie ist kein sozialer Defekt von
Unterprivilegierten, sondern eine Stimmung in der Mitte der Gesellschaft.
Auf der anderen Seite gibt es Männer, die ihre Schwestern ermorden, weil
diese das Versprechen von Selbstbestimmung in diesem Land ernst genommen
haben, und es gibt Moscheen, in denen religiöse Eiferer das Ende des
sittenlosen Westens herbeipredigen. In einer Umfrage des Zentrums für
Türkeistudien stimmten 47 Prozent der befragten Türken der Aussage zu:
"Wir müssen aufpassen, dass wir nicht wie die Deutschen werden." In
Großbritannien, so schrieb die Zeit im November noch neidvoll,
"empfinden sich um die 80 Prozent der Einwanderer als ,britisch und
stolz darauf‘". Heute weiß man, dass dies London nicht geschützt hat.
Rational betrachtet haben die Ehrenmorde zwar nichts mit dem Terror zu tun,
und gerade die Türken, die größte Gruppe der Ausländer in Deutschland, stehen
dem islamistischen Terror fern. Aber Xenophobie hat mit Rationalität nichts
zu tun. Die Illusion multikultureller Harmonie wird nicht mit der rot-grünen
Bundesregierung untergehen. Sie ist schon lange Vergangenheit, und man könnte
streng genommen nicht einmal von Desintegration sprechen, weil es in weiten
Bevölkerungsgruppen eine wirkliche Integration nie gegeben hat.
Und doch, es gab eine Zeit, in der
gemeinsame wirtschaftliche Interessen einen gewissen Pragmatismus erlaubten,
ein Nebeneinander, desinteressiert, aber weitgehend friedlich. Das ist
vorbei, und man muss schon sehr naiv sein, um auf eine Versöhnung zwischen
den in- und ausländischen Wirtschaftswundergenerationen zu warten, auf die
selbstbewusste Erkenntnis, dass man zusammen einiges geschafft hat. Ausländer
gelten heute als Wohlstandsrisiko - und dies gleichermaßen, wenn sie nur für
die Gurkensaison in den Spreewald kommen oder bereits Jahrzehnte in
Deutschland leben, wenn sie Arbeit haben oder nicht.
Gerade die polnischen Klempner und tschechischen Krankenschwestern, die seit
der Erweiterung der Europäischen Union in Deutschland arbeiten, oder die
Kfz-Monteure und Textilarbeiter, die deutsche Unternehmen durch ein
phantastisches Lohnniveau nach China oder Vietnam locken, stellen das deutsche
System der Tarifautonomie, der Unternehmer-Verantwortung, der sozialen
Marktwirtschaft schlechthin in Frage. Wirtschaftsexperten mögen darauf
hinweisen, dass Deutschland Exportweltmeister ist und damit angewiesen auf
Handel und Wandel und offene Grenzen. Man kann darüber grübeln, dass es einen
Zusammenhang gibt zwischen ausgelagerten und verbleibenden Arbeitsplätzen -
weil ein Unternehmen manchmal nur wettbewerbsfähig ist, wenn die Produktion
im Ausland die Entwicklungsabteilung im Inland sichert. Und doch will sich
Deutschland partout als Globalisierungsverlierer sehen, und dass die
Globalisierung in Gestalt eines ukrainischen Monteurs eine feine Sache ist,
weil die Heizung dringend überholt werden muss, bevor der Winter kommt, aber
bitte ohne Rechnung, ändert an dieser tiefempfundenen Hilflosigkeit wenig.
"Meine Lieblingsnovelle", hat Oskar Lafontaine gesagt, "ist
,Der Fremde' von Albert Camus. Insofern verbinde ich mit diesem Begriff
überhaupt nichts Negatives." Da hatte er gerade den Begriff des
"Fremdarbeiters" ins Wahlkampfrepertoire der Linkspartei
aufgenommen, mit dem bis dahin die NDP operierte, und eben dies - nicht der
ältere, der Nazi-Hautgout - war das Entlarvende. Lafontaine wirbt um die
Stimmen der äußersten Rechten - die sich dort wieder mit der äußersten Linken
treffen - mit einer folgenschweren Kombination aus Ökonomie und
Nationalismus. Er mobilisiert die Ohnmachtsgefühle im Angesicht einer
unaufhaltsamen Entwicklung und führt sie gezielt in eine Sackgasse.
Er ist allerdings nicht der Einzige und nicht mal der Erste. Der schillernde
Heuschrecken-Diskurs Franz Münteferings, die Hinweise Bundeskanzler Gerhard
Schröders, wenn er in China um Aufträge werbe, dann sei das "wahrer
Patriotismus" - im Gegensatz zur Leitkulturdebatte der CDU -, das alles
darf man als Versuch begreifen, einer unbeherrschbaren globalen Dynamik den
Anspruch nationaler Gestaltungskraft entgegenzusetzen. Dass diese Bemühungen
vergeblich sind, dass der Kontrollverlust der Politik das Gefühl des
Ausgeliefertseins und die Suche nach Antworten und Orientierung eher noch
steigert, gehört zu den fatalen Nebenwirkungen dieses Diskurses.
Manchmal - und das sind die besonders
unschönen Momente - argumentieren allerdings nicht nur xenophobe Scharfmacher
ökonomisch, sondern auch die Befürworter eines ausländerfreundlicheren
Klimas: Nichts sei so schädlich für den Standort Deutschland wie ein
ausländerfeindliches Image. Dabei kann man ihnen nicht mal widersprechen. Die
Green-Card-Initiative, der letzte Versuch, Ausländer als Leistungsträger
eines neuen deutschen Wohlstandes zu etablieren, ist unter anderem daran
gescheitert, dass sich die High Potentials aus Bangalore hierzulande nicht
recht willkommen fühlten.
So weitet sich das Spektrum der Ablehnung mit jedem Jahr: Inzwischen sind
Muslime und Osteuropäer, Türken und Polen, Inder und Vietnamesen
gleichermaßen suspekt. Inzwischen aber - und das ist das Neue - legen viele
der 7,3 Millionen Ausländer in Deutschland gar keinen Wert mehr darauf,
geliebt zu werden - und auch diese Selbstisolation hat ihre Wurzeln in einem
härter werdenden Verteilungskampf, in ökonomischer Frustration.
Deutsche Bürokratie blockiert Inländer
und Ausländer
Gewiss, türkische Filmemacher gewinnen Preise auf Festivals, Fußballer aus
Einwandererfamilien erobern die Bundesliga. Aber jeder vierte Ausländer in
Deutschland lebt unterhalb der Armutsgrenze (vor sieben Jahren war es jeder
fünfte), zwanzig Prozent sind arbeitslos, und unter diesen Arbeitslosen haben
fast zwei Drittel keine Ausbildung. Prosperierende Einwanderungsgesellschaften
verdanken ihren Erfolg dem Umstand, dass sie Migranten den Aufstieg
ermöglichen. Deutschland aber, ein blühender Garten der Bürokratie, blockiert
selbst Inländer. Ausländer sind von allen Ressourcen abgeschnitten, die ihnen
überhaupt erst die Voraussetzung für den Aufstieg schaffen würden - Bildung,
Sprachkenntnisse, Kontakte. In Berlin-Neukölln und im Münchner Hasenbergl
wächst tausendfach ungebrauchtes Leben heran, das sich mit der Verachtung der
Mehrheitsgesellschaft tröstet und Ablehnung mit Ablehnung vergilt.
Wer unter diesen Bedingungen den Spracherwerb weiterhin allein ins Ermessen
der Einwanderer stellen will, vergeht sich an den nachwachsenden
Generationen. Vor dreißig, vierzig Jahren mag es möglich gewesen sein, ohne
den elaborierten Code der Mehrheit ein Auskommen zu finden. Die Kinder und
Enkel dieser Einwanderer aber finden bestenfalls Unterschlupf im väterlichen
Betrieb, niemals auf dem ersten Arbeitsmarkt. Eben dort aber, auf dem Markt
für Tagelöhner und gering Qualifizierte treffen sie auf die Billigkonkurrenz
aus dem Osten, auf Tschechen, Polen, Ukrainer, auf Rumänen, Bulgaren,
Pakistanis, die dorthin wollen, wo sie schon sind. Die pauperisierten
Migrantenkinder werden selbst zu Globalisierungsopfern. Ausländer gegen Deutsche
- das ist nur der Anfang.
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