Update:
June 3 rd
, 2010

Afghanistan

Articles

AIESEC

Hertie Foundation

Supporters / Partner

 

CV / Contact


Startseite/Home


Die ZEIT, 23. November 2006


Arm in Arm mit den Stammesältesten


Von Andrea Böhm

Um die Taliban zu besiegen, braucht der Westen nicht nur Soldaten, sondern auch eine neue Strategie für den Wiederaufbau

Es herrscht Krieg in Afghanistan und die Bundeswehr will nicht hin. »Feiglinge«, murren Diplomaten und Generäle in Washington, Ottawa, London und verweisen auf die Verluste ihrer Truppen, die sich seit Monaten im Süden des Landes heftige Gefechte mit den wiedererstarkten Taliban liefern. »Dummköpfe«, murmeln Politiker in Berlin und verweisen auf den (noch) relativ ruhigen Norden, wo sich die Bundeswehr eher als Aufbaukraft denn als Militärmacht darstellt.

Dabei geht es längst um mehr als den Streit, ob auch deutsche Soldaten auf Taliban schießen und von ihnen beschossen werden. Niemand bezweifelt, dass gegen die Aufständischen auch militärisch vorgegangen werden muss und womöglich kann sich auch die Bundeswehr nicht ewig gegen die Forderung nach Kampftruppen im Süden sperren (siehe Seite 3). Die Frage ist vielmehr, ob Militärs und Politiker begreifen, was vergangene Woche ACBAR, die Dachorganisation internationaler und afghanischer Hilfsorganisationen, gefordert hat: eine komplette Revision von militärischer Strategie, Armutsbekämpfung und nation-building. Sonst drohe Afghanistan zu kippen.

Die Liste der gröbsten Fehler ist schnell erstellt: Statt demokratisches Personal zu fördern, wurden die »Totengräber des Landes«, die Warlords, in Amt und Würden gehoben. Statt ausländische Truppen über das ganze Land zu verteilen, wie es sich die Afghanen anders als die Iraker sehnlichst wünschten, blieb es die ersten drei Jahre bei einer kleinen Truppe der International Security Assistance Force (Isaf) in der Hauptstadt Kabul. Währenddessen jagten US-Soldaten im Rahmen der Operation Enduring Freedom im Süden Al-Qaida-Terroristen und rüsteten als Söldner lokale Warlords auf. Von Aufbauhilfe war wenig zu sehen, und als Anfang 2006 endlich britische und kanadische Truppen im Süden einrückten, gab es in dieser bitterarmen Region nur zweierlei im Überfluss: Opiumfelder und neue Rekruten für die Taliban.

Das erste afghanische Axiom: Keine schnellen Lösungen

Auf deren »hit and run«-Angriffe reagiert die Nato nun mit Bodentruppen und einer Welle von Luftangriffen. Wie viele Zivilisten dabei sterben, weiß niemand genau. Das gilt auch für Operation Medusa, bei der im September in Kandahar angeblich über 1000 Aufständische getötet wurden. Nato-Kommandanten sehen die Taliban seither im »Rückwärtsgang«. Zivile Experten schütteln den Kopf. »Internationale Truppen können einen solchen Aufstand nicht niederschlagen«, warnt der deutsche Chef der UN-Mission in Afghanistan, Tom Koenigs. Nicht die Taliban befänden sich im Rückwärtsgang, sagt Angeles Martinez, Leiterin des Afghanistan-Programms der Frauenorganisation medica mondiale, sondern demokratische Kräfte, »allen voran Frauen, die arbeiten oder politisch aktiv sind, und jetzt massiv bedroht werden«. Martinez wünscht sich durchaus ausländische Militärpräsenz im Süden, »aber eine, die Aufbauprojekte schützt, anstatt mit Bombenangriffen neue Flüchtlinge zu produzieren«.

Das wäre ein Weg, die Köpfe und Herzen der zunehmend resignierten Afghanen zurückzugewinnen. Auch der würde weiterhin Opfer fordern unter ausländischen und afghanischen Soldaten, unter den Mitarbeitern von Hilfsorganisationen und der Zivilbevölkerung.

»No quick fixes.« Es gibt keine schnellen Lösungen, warnt die International Crisis Group (ICG), ein Institut für Konfliktforschung. In seiner jüngsten Studie finden sich gleich ein paar Dutzend Empfehlungen: unter anderem eine nationale Antikorruptionskampagne unter Führung von Präsident Hamid Karsai, Umsetzung der geplanten Polizeireform, mehr Truppen für die Isaf und mehr diplomatischer Druck auf Pakistan, dessen westliche Grenzgebiete ein sicheres Rückzugsgebiet für die Taliban sind. Das Scheitern des Wiederaufbaus in Afghanistan sei keineswegs unausweichlich, heißt es in der Studie, »aber ebenso wenig ist Erfolg garantiert, wenn die Strategien nicht überdacht werden«.

Einen neuen Ansatz beim Wiederaufbau, der womöglich auch bei deutschen Politikern Anklang findet, beschreibt Citha Maass, Afghanistan-Expertin der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP). Die strategisch wichtigste Region, so Maass, sei derzeit der Osten und Südosten des Landes, darunter die Provinzen Khost, Paktia und Wardak, in denen Aufstände drohen, die »aber noch nicht gekippt sind«. Hier, glaubt Maass, entscheidet sich der Kampf um Afghanistan. Und genau hier genießt Deutschland aufgrund erfolgreicher Entwicklungsarbeit in den siebziger Jahren immer noch hohes Ansehen. Unter deutscher Leitung könne die Europäische Union Aufbauprojekte starten und zwar nicht mit Entwürfen aus Kabul, Berlin oder Brüssel, sondern in enger Absprache mit den Stammesältesten und Ratsversammlungen der Region. Wenn die Bevölkerung die Früchte des Wiederaufbaus direkt zu spüren bekäme, würden diese eher an die Macht der Helfer glauben und seien weniger bereit, den Taliban einen Fußbreit Boden zu überlassen. Traditionelle Milizen, die zuletzt auch zur Absicherung der Parlamentswahlen eingesetzt wurden, könnten Schutz bieten. Die Prioritäten der örtlichen Räte hat Maass bereits ausgemacht: Erneuerung der Bewässerungsanlagen, damit die Landwirtschaft wieder in Gang kommt, sowie Straßenbau.

Beim Kräutertee mit Amts- und Würdenträgern

Sollte dieser Ansatz Erfolg haben, erhofft sich die Wissenschaftlerin, die zuletzt drei Jahre lang in Afghanistan gelebt und gearbeitet hat, eine Signalwirkung für den Süden, wo derzeit aufgrund der militärischen Eskalation keine Aufbauarbeit möglich ist. Die britische Armee hat unlängst versucht, von den Taliban befreite Dörfer umgehend mit kleinen Entwicklungsprojekten zu »versöhnen«. Die Aktion scheiterte, weil den Militärs schlicht das Wissen fehlt, die entscheidenden Amts- und Würdenträger in den Dörfern ausfindig zu machen und anzusprechen. Erfahrene Vermittler würden im Süden derzeit wahrscheinlich mehr helfen als Bomben und Dorfrazzien, glauben sowohl Citha Maass als auch Angeles Martinez von medica mondiale. Im Übrigen gilt auch hier: no quick fixes, keine schnellen Lösungen beim Aufbau des Landes. »Rechnen Sie mit mindestens 20 Jahren«, sagt Maass. Das entspricht fünf deutschen Legislaturperioden.

 

weitere Artikel...