FAZ, 14.05.2005 Der Originalartikel als PDF-Download hier...
Alles außer Herztransplantationen Von Judith Lembke |
Das Berufsbild von Volkswirten ist wenig konkret /
Dadurch ergeben sich aber auch Chancen
Es sollte eine lockere Veranstaltung werden, aber wohin man
auch blickt - ernste Gesichter. Die Jugendlichen, die vor einigen
Monaten noch so ausgelassen das Ende ihrer Schulzeit gefeiert haben,
sitzen nun dichtgedrängt in einem Seminarraum des Alfred-Weber-Instituts
der Universität Heidelberg und vermitteln den Eindruck von
wissensdurstigen Superstudenten. Ihre Bleistifte sind gespitzt, der
Blick ist konzentriert an die Tafel gerichtet, und der neue Ordner mit
der computergetippten Aufschrift "Einführung in die
Volkswirtschaftslehre" liegt aufgeschlagen vor ihnen, damit jedes
gesprochene Wort auch sofort niedergeschrieben werden kann. Dabei hat
noch nicht einmal die erste Vorlesungswoche begonnen. Die zukünftigen
Erstsemester sind nur einer Einladung der Fachschaft zu einer
Orientierungsveranstaltung über das volkwirtschaftliche Studium gefolgt.
Die Anspannung der Teilnehmer ist greifbar, als der Referent, ein
Student aus dem Hauptstudium, anhebt, um das Mysterium zu lüften, das
sich hinter Wörtern wie "Mikroökonomie", "Ökonometrie" oder
"Fakultätsorgane" verbirgt. Doch gleich sein erster Satz stiftet
Verwirrung: "Das Studium der Volkswirtschaftslehre ist eigentlich darauf
zugeschnitten, den Wirtschaftsminister eines Landes auszubilden. Aber
davon gibt es in Deutschland nur einen." Alle schauen sich verdutzt um.
Die Idealisten, die sich für ein volkswirtschaftliches Studium
entschieden haben, weil sie glauben, daß man das Gefüge der
Weltwirtschaft begreifen muß, wenn man wirksam gegen die Globalisierung
ankämpfen will. Die Pragmatiker, die schon heute wissen, daß sie in
sieben Jahren eine Zusatzprüfung zum Steuerberater machen werden, um
dann in das Büro des Vaters einzusteigen. Und auch diejenigen sind
verstört, die eigentlich gar nicht genau wissen, warum sie hier sitzen,
außer weil für ein BWL-Studium an einer renommierten Universität ihre
Abiturnote zu schlecht war.
Die Ausführungen der Arbeitsagentur zum Volkswirtschaftsstudium
unterstreichen die Aussage des Heidelberger Fachschaftsmitglieds eher,
als für Klärung zu sorgen: "Die VWL, auch Nationalökonomie genannt,
beschäftigt sich mit der Analyse und der Gestaltung des Marktes in einer
Gesellschaft sowie den gesetzlichen Rahmenbedingungen. Sie beschreibt
und analysiert die Funktion des Geldes, des Wirtschaftskreislaufs, der
Beschäftigungs-, Konjunktur- und Wachstumspolitik sowie der
Außenwirtschaft." Es fragt sich also, wo die Berufschancen für
Volkswirte jenseits eines Postens als Wirtschafts- oder Finanzminister
liegen. "Volkswirte sind eierlegende Wollmilchsäue. Eigentlich können
wir alles machen außer Herztransplantationen", sagt Helmut Less,
Studienberater der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät in Heidelberg.
Wer sich für ein Studium der Volkswirtschaftslehre entscheide, lerne, in
Systemzusammenhängen zu denken, aber das Studium qualifiziere den
Studenten nicht für einen bestimmten Beruf, so wie etwa ein
Medizinstudium auf den Arztberuf vorbereite. Die fehlende
Konkretisierung mag verunsichern, auf der anderen Seite bietet sie
jedoch auch viele Chancen: Ein Blick in die Statistik des
Arbeitsmarktinformationsservice der Arbeitsagentur zeigt, wie breit
gefächert das Berufsangebot für Volkswirte ist. Für sie gab es im
vergangenen Jahr Stellenangebote in so verschiedenen Wirtschaftsgruppen
wie "Landwirtschaft und Jagd", in Architektur- und Ingenieurbüros und in
der Softwareberatung und -entwicklung. Sogar eine Detektei suchte 2004
nach einem Volkswirt. Anders als das Studium der
Betriebswirtschaftslehre, in dem man sich auf ein bestimmtes
Wirtschaftssubjekt, das Unternehmen, konzentriert, wird in der
Volkswirtschaftslehre vielmehr das Zusammenspiel der unterschiedlichen
Felder, die für das Funktionieren der Wirtschaft eine Rolle spielen,
analysiert.
Betriebswirtschaftliche Kenntnisse und sehr gutes Englisch
Auf dem Arbeitsmarkt ist diese Trennung in Jobs für Volkswirte und Jobs
für Betriebswirte jedoch weniger stark ausgeprägt, als die
Unterscheidung im Studium erscheinen mag. In der Realität konkurrieren
die Volkswirte mit den Betriebswirten häufig um Stellen, insbesondere im
Banken- und Versicherungssektor sowie in Unternehmensberatungen. Viele
Volkswirte nehmen nach dem Studium Stellen an, für die ursprünglich ein
Betriebswirt gesucht worden war. Deshalb spiegeln die 366
Stellenanzeigen, in denen im vergangenen Jahr explizit Volkswirte
gesucht wurden, auch nur teilweise wider, in welchen Berufen die
Volkswirte wirklich unterkommen. Als typische Beschäftigungsfelder der
Volkswirte gelten vor allem Wirtschaftspolitik und Wirtschaftsplanung,
Rechnungs- und Bilanzwesen sowie statistische Abteilungen und die
Verwaltung. Neben dem Staat, der mit seinen Behörden, den Hochschulen
und Forschungsinstituten ein wichtiger Arbeitgeber von Volkswirten ist,
finden viele Absolventen auch in Verbänden, Handelsfirmen und in großen
produzierenden Unternehmen eine Anstellung. Wenn Volkswirte in
Wirtschaftsunternehmen landen, dann häufig in den strategischen
Abteilungen großer Unternehmen, die auch international tätig sind. Dort
werden Volkswirte zum Beispiel angestellt, um das wirtschaftliche Umfeld
von Ländern oder Regionen auszuloten, in denen das Unternehmen
möglicherweise investieren will. Wer zwar Volkswirtschaft studieren,
sich aber dennoch die Möglichkeit offenhalten möchte, den Weg einer
Managerkarriere einzuschlagen, der sollte in seinem Studium einen
Schwerpunkt auf betriebswirtschaftliche Fächer legen, rät Bernhard Hohn,
der beim Arbeitsmarktinformationsservice der Arbeitsagentur unter
anderem für Wirtschaftswissenschaftler zuständig ist. "Arbeitgeber
verlangen von Volkswirten immer wieder betriebswirtschaftliche
Zusatzkenntnisse, die man entweder in einem Diplomstudiengang oder nach
dem Diplom durch ein Zusatzstudium, zum Beispiel einen ,Master of
Business Administration', erwerben kann", sagt Hohn. Außerdem seien gute
Fremdsprachenkenntnisse bei einer Bewerbung von Vorteil, vor allem ein
sehr gutes Englisch in Wort und Schrift werde häufig vom Arbeitgeber
verlangt. Dagegen ist Hohn der Meinung, daß die Kenntnis von exotischen
Sprachen als Schlüsselqualifikation häufig überschätzt werde: "Wenn
jemand Bengali spricht, kann es in Ausnahmefällen von Vorteil sein, ein
sehr gutes Englisch ist aber auf jeden Fall wichtiger", sagt er. Auch
mit Auslandsaufenthalten, Jobs und Praktika während des Studiums könne
der Bewerber Pluspunkte für seine Bewerbungsmappe sammeln, allerdings
nur unter bestimmten Umständen: "Auslandsaufenthalte und Studentenjobs
sind nur dann von Vorteil, wenn sie nicht zu viel Zeit in Anspruch
nehmen", sagt Hohn. Viele Arbeitgeber schauten nämlich bei einer
Bewerbung neben der Abschlußnote auf die Studiendauer, und wenn ein
Bewerber zwanzig Semester studiert habe, rechtfertige auch ein
monatelanger Auslandsaufenthalt in den Augen des Arbeitgebers nicht die
Länge des Studiums. Bei der Auswahl der Praktika sei es wichtig, daß
sich "ein roter Faden durch die Praktika zieht", sagt Hohn. Es sei
besser, wenn der Absolvent eine gewisse Stringenz in seinem Lebensweg
erkennen lasse, anstatt von einem Betätigungsfeld zum nächsten gehüpft
zu sein.
Laut der Arbeitsmarktanalyse für Volkswirte, die der
Arbeitsmarktinformationsservice im Juni veröffentlichen und die dann
auch unter www.arbeitsagentur.de im Internet zu finden sein wird, hatten
vor allem Absolventen ohne Berufserfahrung, mit schlechten Noten oder
überdurchschnittlich langer Studiendauer Probleme, einen Arbeitsplatz zu
finden. Weitere Kriterien, die die Arbeitsplatzsuche erschwerten, waren
die Immobilität der Bewerber sowie ein Hochschulabschluß aus Osteuropa.
Hohn hält die Berufsaussichten für Volkswirte für mittelmäßig:
"Betriebswirte haben es zwar leichter, einen Job zu finden, aber so
schlecht wie bei den Geisteswissenschaftlern sieht es bei den
Volkswirten auch nicht aus", sagt er. Neben der generell angespannten
Situation auf dem Arbeitsmarkt sei für Volkswirte im vergangenen Jahr
erschwerend hinzugekommen, daß öffentlicher Dienst, Hochschulen und
Kreditwirtschaft nur wenig Leute eingestellt hätten. Der Statistik zum
Trotz schätzen viele Absolventen ihre Berufsaussichten positiv ein. Den
Pragmatismus haben sie im Studium gelernt, ebenso wie systematisches
Denken und rationales Handeln. Sie halten sich für Generalisten, die
sich in vieles einarbeiten können - wenn man sie nur läßt.
Er gehört der Fraktion der Idealisten an
Thomas Lehmann, ein Volkswirtschaftsstudent aus Frankfurt am Main,
schaut mit viel Optimismus in seine berufliche Zukunft. Lehmann gehört
zur Fraktion der Idealisten unter den Volkswirtschaftsstudenten. Er hat
sich für dieses Studium entschieden, weil er verstehen will, wie die
Wirtschaft die Gesellschaft beeinflußt, deswegen studiert er als
Zweitstudium auch Soziologie. Obwohl er sich auf die Themen öffentliche
Wirtschaft und soziale Sicherung spezialisiert hat und später am
liebsten in einer Stiftung oder einer Nichtregierungsorganisation
arbeiten möchte, wo Stellen üblicherweise rar sind, glaubt er daran, daß
er nach seinem Abschluß im kommenden Jahr einen Job nach seinen
Vorstellungen finden wird. Bei der Planung seines Studiums mischt sich
Idealismus mit vorausschauendem Handeln: Lehmann hat sein Studium nach
der Maßgabe strukturiert, sich einerseits auf das zu konzentrieren, was
ihn interessiert, ihn andererseits aber auch beruflich weiterbringt.
Sein Studium finanziert er sich durch die Arbeit in einer Stiftung, in
seiner Freizeit ist er in der Studentenorganisation Aiesec aktiv.
Lehmann hält es für einen großen Vorteil, daß er sich schon früh auf
bestimmte volkswirtschaftliche Themen konzentriert und kontinuierlich
daran gearbeitet hat, sich auf diesen Gebieten weiterzuentwickeln: "Mein
Studium, die Praktika, die ich gemacht habe, mein Job - da zieht sich
überall ein roter Faden durch", sagt Lehmann. Wenn er jetzt noch schnell
studiert, eine gute Abschlußnote macht und Mobilität beweist - dann hat
Lehmann bei der Stellensuche sogar die Statistik auf seiner Seite.
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