Heute: Sind Militäraktionen die Lösung für Afghanistan's Probleme?
Der Spiegel , 12. März 2007
Tödliche Falle (Auszug)
Von Susanne Koelbl
Zügige Hilfe und Wiederaufbau hat der Westen den Afghanen versprochen, doch auch fünf Jahre nach der Befreiung Kabuls geraten unschuldige Zivilisten zwischen die Fronten der Nato-Alliierten und der wiedererstarkten Taliban. Die Stimmung gegenüber den Fremden wird gereizter.
...Im vergangenen Jahr kamen am Hindukusch 4000 Menschen gewaltsam zu Tode. Darunter auch etwa 1000 zivile Opfer, "Kollateralschäden" nennt das Militär sie immer noch. Die meisten Opfer gab es, wenn westliche Soldaten in "komplexe Hinterhalte" geraten waren. Mit diesem Ausdruck umschreiben die Truppensprecher das tödliche Kalkül der Taliban, sich hinter Zivilisten zu verstecken. Auch die meisten Selbstmordanschläge finden absichtlich im zivilen Umfeld statt. Sie sollen die Bevölkerung gegen die Präsenz der fremden Truppen aufbringen. Zumindest im Paschtunengebiet, dort, wo bisher kaum Aufbauprojekte verwirklicht wurden, scheint das Konzept auch aufzugehen: Tausende demonstrierten vorige Woche in Jalalabad, wütend skandierten sie: "Tod Amerika, Tod Karzai!"
Auch Abdullah Shah und seine Familie sind zwischen die Fronten dieses neuen Kriegs geraten. Der Mann aus Kandahar ist heute 68 Jahre alt, kann weder lesen noch schreiben, doch er führte seine Großfamilie 40 Jahre lang durch die Unruhen und Krisen des Landes. Sein Clan überstand die Invasion der Sowjets und den Bürgerkrieg Anfang der neunziger Jahre. Selbst mit den Taliban fand er ein Arrangement, obwohl die ihm einen Sohn für die Front im Norden abpressten, sonst wäre er von seinem Land vertrieben worden. Heute ist Abdullah Shahs Hof in Lakani verwaist, selbst die Hühner, Schafe und Rinder sind fort, gestohlen, weggelaufen, er weiß es nicht. Entfernte Verwandte in einem Nachbardorf haben ihn vorübergehend aufgenommen. In die Enge getrieben zwischen den Taliban und den internationalen Truppen, ist das Leben schwierig geworden für die Menschen im Süden Afghanistans. Sie wissen nicht, an wen sie sich heute wenden sollen. Die Regierung ist zu schwach, die Nato kämpft zuerst für die eigene Sicherheit, und die Taliban sickern überall ein...
Auch für die Taliban ist es inzwischen schwierig geworden, jedes Jahr neue Krieger zu rekrutieren. Sie haben viele hundert Kämpfer verloren. In den achtziger Jahren hatten ihre Vorgänger, die Mudschahidin, noch Rückhalt für ihren Kampf gegen die sowjetischen Invasoren gefunden, heute sind nur die wenigsten Familien bereit, ihre Söhne zu opfern. Sie ahnen, dass die ungeliebte internationale Truppenpräsenz vermutlich ihre letzte Chance ist, aus dem Teufelskreis von Unterdrückung und Armut herauszufinden. Gleichzeitig geht es für viele ums tägliche Überleben. Ein Klima für Söldner: Wenn sie schon kämpfen sollen, dann gegen Bezahlung. Freiwilligen bieten die Taliban derzeit 30 000 Afghani im Monat, rund 500 Euro, und ein Motorrad. Die Regierung im fernen Kabul zahlt ihren Staatsdienern, ob Lehrern oder Polizisten, gerade mal 50 Euro.
Die neue Offensive in Helmand muss auch zur Nagelprobe dafür werden, ob es den westlichen Alliierten gelingt, Entwicklungsprojekte selbst in umkämpften Gebieten voranzutreiben. Gut fünf Jahre nach der US-Invasion gehört Afghanistan noch immer zu den ärmsten Ländern der Welt, zahllose Menschen leben wie Sklaven in Abhängigkeit von Kriegsfürsten oder Feudalherren. Hauptziel der neuen Nato-Offensive ist es, das Sangin-Tal und den Kajaki-Damm im Norden Helmands zu sichern. Dort soll ein großes Kraftwerk repariert werden, das fast zwei Millionen Afghanen mit Elektrizität versorgen könnte. Die "Herzen und Köpfe" ihrer Verbündeten können die Nato-geführten Isaf-Truppen nur mit der spürbaren Verbesserung der Lebensverhältnisse gewinnen, das haben inzwischen auch die Amerikaner verstanden. Die Taliban versuchen dagegen, den technischen Fortschritt um jeden Preis aufzuhalten. Sie wissen: Wenn die Menschen erst einmal ein besseres Leben führen, vielleicht gar einen Job haben, wird ihre Macht schwinden. Wenn es den Extremisten aber gelingt, die Bevölkerung in die Kämpfe hineinzuziehen und sie zur Zielscheibe zu machen, dürften sich die Afghanen auf die Seite der Taliban schlagen. Ein Heiliger Krieg ist diese Schlacht im seit je unregierbaren Süden nie gewesen. Die Taliban haben sich zu einem Zweckbündnis zusammengetan mit der mächtigen Schmuggelmafia, die zwischen Pakistan und Afghanistan ihre Geschäfte betreibt. Der geht es nicht um den Aufbau eines Kalifats, sondern um Drogen, Waffen, Lebensmittel und Frauen.
Die Bevölkerung richtet sich auf einen langen Zermürbungskrieg ein, viele Einheimische fürchten sich vor den internationalen Truppen. Wenn in Kandahar eine Nato-Patrouille um die Ecke biegt, bleibt jedes Kind wie angewurzelt stehen - die Afghanen wissen, jede hektische Bewegung kann eine tödliche Reaktion hervorrufen. Die meist jungen Nato-Soldaten sitzen in ihren gepanzerten Fahrzeugen am Maschinengewehr und betrachten über einen Bildschirm die Außenwelt. Ein rotes Fadenkreuz legt sich über jede verdächtige Person - nur zwei Klicks trennen die vom Tod. Die Landbevölkerung kann häufig wenig Nutzen darin erkennen, dass die fremden Soldaten mit ihren Mondautos durch die staubige Landschaft brausen, sich hier und da mit dem Feind Scharmützel liefern, um anschließend wieder ihre befestigten Lager aufzusuchen. Im strategisch wichtigen Panjwai-Distrikt von Kandahar sind ganze Dörfer dem Erdboden gleichgemacht worden, weil Taliban-Kämpfer sie als Rückzugsbasis nutzten.
Noch immer ist mangelnde Sicherheit das große Problem der Afghanen. Die Polizei, selten zur Stelle, wenn sie gebraucht wird, ist kaum mehr als eine Zielscheibe für den Spott der Einheimischen. Miserabel ausgebildet, vom Staat schlecht oder gar nicht bezahlt, missbrauchen die Ordnungshüter ihre Macht häufig dazu, ihren Schutzbefohlenen Geld abzupressen. In den vernachlässigten Provinzen bevorzugen viele Dorfbewohner im Zweifel die Taliban als Ordnungsmacht. Die hätten ihnen keine Entwicklung gebracht, aber immerhin Stabilität, heißt es, und heute gebe es weder das eine noch das andere. Seit der Vertreibung der Taliban Ende 2001 kümmert sich in ländlichen Gegenden kein Richter mehr um die zahllosen Streitfälle, in denen es um Land, Wasser oder die Familienehre geht, zuweilen auch um Mord oder Diebstahl. Vielerorts regeln das nun wieder die Taliban. Eine harsche Instanz sei immer noch besser als gar keine, glauben viele.
So haben die Taliban ganze Regionen in den Süd-Provinzen Kandahar, Helmand und Zabul zurückerobert, auch im Osten sind sie wieder präsent - vornehmlich in den Provinzen Khost, Paktia und Paktika. Sie sickern in kleinen Gruppen aus Pakistan ein oder aus den Bergen des Hindukusch und zwingen die Dorfbewohner dazu, sie in ihren Häusern zu verstecken. So werden die Einwohner zu lebenden Schutzschilden. Wer unter Verdacht gerät, mit der Regierung in Kabul oder mit den fremden Truppen zu kooperieren, lebt in tödlicher Gefahr. In Kandahar-Stadt ermordeten die Extremisten vergangenen Monat in nur zehn Tagen sieben staatliche Funktionäre, darunter zwei Mullahs und zwei rangniedere Polizeiführer. Die Mörder lauerten ihren Opfern morgens auf einem Motorrad vor dem Haus auf und feuerten im Vorbeifahren mit Kalaschnikows auf sie. Nicht einmal Angestellte öffentlicher Verkehrsbetriebe können sich sicher fühlen. Jeder Kollaborateur wird bestraft.
Dass Entwicklung und Wiederaufbau auch in Kriegsgebieten möglich sind, beweisen derzeit vor allem private Hilfsorganisationen, deren Arbeit immer größeren Mut erfordert. Das britische Senlis Council versorgt fast in der gesamten Süd-Region die Flüchtlinge. Deutsche Techniker stellten gerade eine 4,3 Kilometer lange wichtige Verbindungsstraße im umkämpften Panjwai fertig. Die zivilen Organisationen bieten ihre Hilfe allen an, Freunden wie Feinden.
Die Serie "Standpunkte" beschäftigt sich mit aktuellen Ereignissen und Diskussionen, insbesondere zum Thema Afghanistan, die ich an dieser Stelle näher beleuchten will. Seit 2003 bin ich im Rahmen eines kürzlich abgeschlossenen Projektes - dem Aufbau einer Organisation - besonders intensiv mit dem Land Afghanistan in Kontakt und erweiterte meine Erfahrungen mit mehreren Aufenthalten dort. Der letzte, aus dem ich im Herbst 2006 nach einem halben Jahr zurückkehrte, machte mir anhand der Arbeit in aufschlußreichen Positionen in einem Ministerium und beim Staatsrundfunk immer wieder deutlich, was in diesem Land tatsächlich vor sich geht und wie die Menschen und die Dinge, die sie beschäftigen, zu verstehen sind. Das Bild Afghanistans in den deutschen Medien ist für mich daher häufig ein recht unvollständiges. Die Serie "Standpunkte" soll helfen, dieses Bild zu korrigieren.
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