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Thema: Stammesgebiete in Pakistan - Zufluchtsort für Al Qaida und Mitursache für wachsende Unsicherheit im Süden und Südosten Afghanistans

Der nachfolgende Artikel beschreibt die Ereignisse um die Auslöschung einer Koranschule in Pakistan, die mutmaßliche Terroristen ausbildete. Was daran wirklich stimmte und wer tatsächlich die Raketen abschoß (Pakistan oder die Amerikaner), wird wohl kaum mehr nachzuweisen sein. Das Militär hat kurz darauf das gesamte Gebiet für jedermann weiträumig abgeriegelt. Besonders wichtig ist für mich dieses Ereignis aus zwei Gründen. Zum einen bin ich im September in eben diesem Landesteil gewesen und zum anderen ist es Teil des 50 km breiten und vielfach längeren Streifens, der zu Pakistan gehört und an Afghanistan grenzt. Politisch von größter Bedeutung, da hier nach wie vor Rückzugsgebiete von Al Quaida liegen und ein nicht endender Nachschub an Unterstützung für die wiedererstarkten Taliban im Süden und Osten Afghanistans herrscht. Afghanistans Präsident Karzai wie auch der Westen werfen dem pakistanischen Präsidenten Musharraf regelmäßig vor, nicht genug zur Bekämpfung der Extremisten in diesem Grenzstreifen zu tun. Allerdings muß man sich auch die Frage stellen, inwieweit es am Wollen oder am Können mangelt. Als ich mich durch dieses Gebiet bewegte, bekam ich einen bewaffneten Guard bis zur nächsten großen Stadt zur Seite, da - wie ich bereits im Vorfeld immer wieder erfuhr - die Regierung kaum Einfluß auf diese mittelalterlich anmutenden Stammesgebiete hat und diese sich größtenteils selbst verwalten.

Sollte es sich tatsächlich um eine Ausbildungsstätte von Extremisten gehandelt haben, ist die Militäraktion mit Sicherheit die schlechteste aller Optionen, aber dennoch ein Zeichen Pakistans in die richtige Richtung. Solange aus diesem riesigen Gebiet immer wieder Extremisten nach Afghanistan sickern, wird man es mit der Beseitigung der Taliban schwer haben. Was das Land neben der Bekämpfung der Korruption dringend braucht, ist Sicherheit. Erst dann wird die Karzai-Regierung von den Afghanen erst wirklich geschätzt werden, und der Wiederaufbau kann mit der Ansiedlung von Unternehmen und einem erweiterten Engagement der Entwicklungsorganisationen einen neuen Schub bekommen. Die Problematik dieses Grenzstreifens war auch Thema in einem FAZ-Interview vom 5.11. mit dem UN-Sondergesandten für Afghanistan.

 

 

FAZ, 1. November 2006


Proteste in Pakistan


Von Jochen Buchsteiner

Islamisten: Amerika griff Koranschule an

DELHI, 31. Oktober. "Barbarisch" nannte die Islamisten-Allianz MMA die Bombardierung der Koranschule am Tag danach. Mehr als 15 000 Pakistaner sollen ihrem Protestaufruf allein in der betroffenen Region Bajaur gefolgt sein und am Dienstag im Rahmen einer Trauerfeier für die 83 Opfer gegen Präsident Pervez Musharraf und die Vereinigten Staaten demonstriert haben. Letztere stehen bei vielen Stammesangehörigen im Verdacht, den Angriff ausgeführt zu haben - ein Vorwurf, der angesichts der amerikafeindlichen Gesinnung der Islamisten kaum überrascht, in diesem Falle aber auch nicht abwegig ist.

Pakistanische Zeitungen ließen am Dienstag eine Reihe von "Anwohnern" zu Wort kommen, die den bislang blutigsten Einzelangriff auf ein mutmaßliches Terroristenlager den Amerikanern zur Last legen. "Dawn" zitierte den Abgeordneten Sahibzada Haroon Rashid, der das betroffene Gebiet für die Jamaat-i-Islami im Parlament vertritt, mit den Worten, es gebe "nicht den geringsten Zweifel, daß es die Amerikaner waren". Der Abgeordnete, der nur einen Kilometer vom Ort des Geschehens entfernt wohnen soll, berichtet von einem Angriff amerikanischer Drohnen mit zwei gewaltigen Detonationen. Erst eine Viertelstunde später hätten pakistanische Hubschrauber ein paar kleinere Raketen abgefeuert, die kaum noch etwas ausgerichtet hätten.

Was wirklich am Montag geschehen ist, läßt sich einstweilen nicht überprüfen. Das pakistanische Militär hat die Gegend abgesperrt; Journalisten ist der Zutritt verwehrt. Unabhängige Informationsquellen gibt es nicht. Die Anschuldigungen der Islamisten, die am Dienstag von einem amerikanischen Fernsehsender mit Berufung auf pakistanische Geheimdienstkreise unterstützt wurden, werden von offiziellen Stellen beider Länder zurückgewiesen.

In Islamabad gab ein Regierungssprecher zwar zu, daß man mit den Vereinigten Staaten Geheimdienstinformationen ausgetauscht habe, betonte aber, daß der Angriff nicht von den amerikanisch geführten Koalitionstruppen, die hinter der nahe gelegenen Grenze zu Afghanistan stationiert sind, ausgeführt worden sei. Dies wurde von einem Sprecher der amerikanischen Truppen in Afghanistan bestätigt. Unbeantwortet bleibt bislang die Frage, warum eine gut ausgerüstete Armee ein offenbar lange beobachtetes Objekt nicht einfach einer Razzia unterzieht und die Verdächtigen in Gewahrsam nimmt.

Angeheizt werden die Spekulationen über die Hintergründe des Angriffs vom - in pakistanischen Medien als "überraschend" bezeichneten - Zeitpunkt. Am Tag des Angriffs sollte ein Vertrag zwischen der Regierung und den Stammesfürsten des betroffenen Gebiets unterzeichnet werden. Dieser hätte nach Informationen der "Dawn" unter anderem zwei gesuchten Taliban-Sympathisanten in der Region - Maulana Faqir Mohammad und Maulvi Liaqat - eine Amnestie gewährt. Ein vergleichbarer Vertrag, der im Sommer mit Stammesfürsten in Nordwaziristan ausgehandelt worden war, hatte ein geteiltes Echo hervorgerufen. Insbesondere in Afghanistan kritisierten viele das Abkommen als kontraproduktiv, weil die oft radikalreligiösen Stammesangehörigen ihrer Verpflichtung nicht nachgekommen seien und das weitere Einsickern von Taliban-Rebellen über ihre Grenzen nicht unterbunden hätten.

Mit der Zerstörung der Koranschule am Montag wurde nun nicht nur der neue Vertrag obsolet - auch Maulvi Liaqat wurde (zusammen mit seinen drei Söhnen) getötet. Liaqat und Maulana Faqir Mohammad gehörten bereits zu den Zielen eines Angriffs, den amerikanische Truppen im vergangenen Januar von der afghanischen Seite aus geführt hatten. Bei der Bombardierung des pakistanischen Dorfes Damadola - unweit des aktuellen Schauplatzes - waren 18 Personen, wohl hauptsächlich Zivilisten, ums Leben gekommen. Weder die beiden Gesuchten noch der Stellvertreter Usama Bin Ladins, Ayman al-Zawahiri, befanden sich damals unter den Opfern. Der Angriff hatte Präsident Musharraf in Not gebracht, weil ihm nicht nur von islamistischer Seite vorgeworfen worden war, nicht mehr Herr im eigenen Land zu sein.

Um den Eindruck von Machtlosigkeit nicht zu untermauern, unternehme Musharraf nun einen "nutzlosen Vertuschungsversuch", behauptet der Abgeordnete Sahibzada Haroon Rashid. Wie so oft in Pakistan dürfte der Vorwurf ungeklärt bleiben und irgendwann verhallen. Am Dienstag verteidigte Musharraf die Aktion erst einmal persönlich. Man habe die Koranschule eine Woche lang intensiv beobachtet und genau gewußt, was dort vor sich gehe, sagte der Präsident während einer internationalen Sicherheitskonferenz in Islamabad. "Jeder, der behauptet, die Opfer seien unschuldige Studenten, verbreitet Lügen", versicherte er.

 

frühere Standpunkte

 

Die Serie "Standpunkte" beschäftigt sich mit aktuellen Ereignissen und Diskussionen, insbesondere zum Thema Afghanistan, die ich an dieser Stelle näher beleuchten will. Seit 2003 bin ich im Rahmen eines kürzlich abgeschlossenen Projektes - dem Aufbau einer Organisation - besonders intensiv mit dem Land Afghanistan in Kontakt und erweiterte meine Erfahrungen mit mehreren Aufenthalten dort. Der letzte, aus dem ich im Herbst 2006 nach einem halben Jahr zurückkehrte, machte mir anhand der Arbeit in aufschlußreichen Positionen in einem Ministerium und beim Staatsrundfunk immer wieder deutlich, was in diesem Land tatsächlich vor sich geht und wie die Menschen und die Dinge, die sie beschäftigen, zu verstehen sind. Das Bild Afghanistans in den deutschen Medien ist für mich daher häufig ein recht unvollständiges. Die Serie "Standpunkte" soll helfen, dieses Bild zu korrigieren.