Thema: Tod zweier Deutsche-Welle-Mitarbeiter in Afghanistan
Als ich die Nachricht einige Stunden später im Laufe des Tages zu Ohren bekam, konnte ich es nicht fassen. Gerade in der aktuellen Debatte, wie viele und ob überhaupt in Zukunft deutsche Soldaten zu Kriegseinsätzen ins Ausland geschickt werden, ist dies ein Ereignis, das einflußreicher kaum sein könnte. Ich selbst arbeitete bis vor kurzem ein halbes Jahr lang beim Staatsrundfunk in Kabul, wo auch die Büros der Deutschen Welle angesiedelt waren. Deren Mitarbeiter waren mir gut bekannt, allerdings nicht die beiden getöteten, da deren Projekte für die Deutsche Welle schon ein Jahr zurücklagen. Der Nachricht folgten diverse Telefonate und es entstand ein Bild, daß zum Gutteil auch von vielen Medien wiedergegeben wurde. Ergänzen muß ich die Warnungen, die im Vorfeld von vielen Seiten an die beiden gerichtet wurden, als sie von ihren Plänen berichteten. So ist es in Afghanistan nahezu fahrlässig, ohne einen versierten afghanischen Begleiter zu reisen, der optimalerweise beide Hauptsprachen spricht und mit den Gegebenheiten an den jeweiligen Orten vertraut ist. Und Übernachtungen im Freien kommen seit der Hippie-Zeit heute niemandem mehr in den Sinn. Afghanen sind sehr gastfreundlich und durch den Umfang des Verwandtenkreises braucht man als Internationaler meist nicht lange suchen, um jemanden aus dem Bekanntenkreis oder unter den Beschäftigten seiner NGO zu finden, der Übernachtungsmöglichkeiten organisieren kann. Die Gefährdung für die beiden Deutschen erhöhte sich noch, da sie sich in einem Gebiet aufhielten, wo einige der ansässigen Stämme - für den Norden Afghanistans eine Ausnahmeerscheinung - eher zur Unterstützung der Taliban neigen.
Afghanistan ist ein Land fünf Jahre nach Ende eines zermürbenden jahrzehntelangen Krieges. Ich verstehe einfach nicht, wie jemand diese Tatsache komplett ausblenden kann und sich verhält als wäre seit der Hippie-Zeit in Afghanistan die Zeit stehengeblieben! Der Tod der beiden war völlig unnötig und hat zudem ein solches Medienecho gefunden, daß vermutlich das Vertrauen der deutschen Öffentlichkeit in den Wiederaufbau Afghanistans weiter schwinden läßt. Das Bild Afghanistans in den Medien ist oft ein derartig schlechtes, das schlicht nicht der Realität entspricht. Worunter letztlich auch meine vergangenen und zukünftigen Projekte dort leiden werden.
Im Folgenden ein Kommentar von Martin Gerner in der Frankfurter Rundschau, den ich verschiedentlich traf und dessen Berichterstattung ich vertraue.
| Frankfurter Rundschau, 9. Oktober 2006 |
Erschossen am Wegesrand
Von Martin Gerner
Nach mehreren Afghanistan-Reisen fühlten sich die beiden ermordeten deutschen Journalisten womöglich zu sicher
Christian Struwe war eher ein ängstlicher Mensch. Im Sommer 2004 arbeiteten wir gemeinsam für die Deutsche Welle beim Aufbau des staatlichen Rundfunks in Kabul. Karen Fischer war eine engagierte, neugierige junge Frau. Zusammen waren die beiden auf einem Weg, der nach Bamiyan im Norden Afghanistans führt. Sie wollten in das Tal der Buddhas, das – obwohl die Buddhas längst zerstört sind – am Hindukusch zum Ziel von Touristen und Dokumentarfilmer geworden ist. Trotz der Kämpfe im Land galt die Provinz bis jetzt als vergleichsweise sicher. Scharen afghanischer und ausländischer Wochenendreisender mieten sich an dem historischen Ort für ein Wochenende ein. Eine scheinbare Idylle und Ablenkung von der Regel, ständig auf der Hut zu sein.
Nachtlager außerhalb des Dorfes
Doch am Samstagmorgen wurden die beiden in ihrem Zelt von Unbekannten mit einem Sturmgewehr erschossen. Sie hatten ihr Nachtlager außerhalb des Dorfs Abtotak im Bezirk Tala Wa Barfak aufgeschlagen. Persönliche Dinge oder das Auto wurden laut Polizei nicht gestohlen. Vielleicht haben sich Christian Struwe und seine Begleiterin nach mehreren Reisen in den vergangenen Jahren tatsächlich "erfahren" gefühlt in diesem Land mit seiner täglich wechselnden Sicherheitslage.
Ihre Absicht am Rande der Straße zu zelten war ungewöhnlich, ja leichtfertig. Ein festes Dach über dem Kopf gilt als ein Sicherheitsparameter vor Ort. Auch ist es Teil der afghanischen Gastfreundschaft, Reisenden in Not Unterschlupf anzubieten. Die beiden hatten sich offenbar auch nicht, wie empfohlen wird, einer Reisegruppe oder Ortskundigen anvertraut.
Die Deutschen sind die ersten toten Journalisten in Afghanistan seit dem Sturz der Taliban vor fünf Jahren. Es passierte genau am Jahrestag der US-Luftangriffe auf Afghanistan und El-Kaida-Lager im Oktober 2001. Ein Sprecher der Taliban hat erklärt, Journalisten seien nicht Ziel ihrer Angriffe. Und tatsächlich war die Situation für ausländische Journalisten hier in den letzten Jahren anders als im Irak.
Noch im Sommer 2004 lautete der Hinweis der für internationale Hilfskräfte zuständigen Organisation ANSO und ihres damaligen Chefs Nick Downie: "Im Zweifel gebe dich offen als Journalist zu erkennen. Das hilft dir weiter und wird respektiert." Taliban-Sprecher haben sich bisher auf afghanische wie internationale Nachrichten-Agenturen gestützt, wenn es darum ging, ihre Bekennerschreiben oder Propaganda-Mitteilungen publik zu machen. Der afghanische Privat-Sender Tolo TV zieht sich regelmäßig den Ärger der Karsai-Regierung zu, wenn er entsprechende Bekennervideos ausstrahlt.
Afghanische Reporter oft entführt
Ausländische Journalisten sind in Afghanistan vielfach ein Schutz für ihre einheimischen Kollegen. Das gilt besonders für Frauen. Afghanische Journalisten leben in der Regel gefährlicher, verfügen selten über Schutzwesten und Sicherheitstraining. Wiederholt sind afghanische Journalisten entführt worden. Dem Autor Ali Mohaqeq Nasab drohte im vergangenen Jahr sogar die Todesstrafe, weil er sich in einem Beitrag dafür ausgesprochen hatte, das Konvertieren vom Islam zu einem anderen Glauben nicht unter Strafe zu stellen. Erst auf diplomatischen Druck aus dem In- und Ausland kam er wieder frei. Afghanische Politiker, Behörden und Warlords bringen Medienvertretern wenig Respekt entgegen, auch wenn sie das Forum Fernsehen häufiger für ihre Zwecke nutzen. So unterhält der berüchtigte Usbeken-General Dostum im Norden seinen eigenen TV-Kanal. Obwohl es seit 2004 ein Gesetz zur Presse- und Medienfreiheit gibt, mittlerweile in der dritten Fassung, schützt es afghanische Journalisten nicht wirklich bei investigativen Recherchen. "Seid vorsichtig und denkt daran, im Zweifelsfall nicht den Helden zu spielen, sondern schützt lieber euer Leben", so die erfahrene Kabuler Korrespondentin der New York Times unlängst an die Adresse ihrer afghanischen Kollegen.
Hinzu kommt für alle die neue Bedrohungslage: "Seit einigen Wochen müssen wir höllisch aufpassen, wenn wir für Fotos und Interviews an den Ort eines Selbstmord-Anschlages kommen", so Massoud, ein afghanischer Fotojournalist. "Mitunter ist ein zweiter Selbstmord-Attentäter in der Menge oder eine zweite Bombe gelegt, die detonieren soll, sobald sich ein Menschenauflauf gebildet hat." So geschehen letzte Woche in Kabul. Dabei zündete die zweite Bombe zum Glück nicht. Die Gefahr für alle Journalisten hat zugenommen.
Die Serie "Standpunkte" beschäftigt sich mit aktuellen Ereignissen und Diskussionen, insbesondere zum Thema Afghanistan, die ich an dieser Stelle näher beleuchten will. Seit 2003 bin ich im Rahmen eines kürzlich abgeschlossenen Projektes - dem Aufbau einer Organisation - besonders intensiv mit dem Land Afghanistan in Kontakt und erweiterte meine Erfahrungen mit mehreren Aufenthalten dort. Der letzte, aus dem ich im Herbst 2006 nach einem halben Jahr zurückkehrte, machte mir anhand der Arbeit in aufschlußreichen Positionen in einem Ministerium und beim Staatsrundfunk immer wieder deutlich, was in diesem Land tatsächlich vor sich geht und wie die Menschen und die Dinge, die sie beschäftigen, zu verstehen sind. Das Bild Afghanistans in den deutschen Medien ist für mich daher häufig ein recht unvollständiges. Die Serie "Standpunkte" soll helfen, dieses Bild zu korrigieren.
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