Heute: Brot statt Opium - Afghanistan's Zukunft aus der Sicht eines Landwirtschaftsexperten
Gegenwärtig befinde ich mich wieder einmal bei Deutschland's Sorgenkind am Hindukusch. Gestern in Kabul eingetroffen beschäftigt mich dieser Tage am meisten, mich noch intensiver der persischen Sprache anzunehmen und meine berufliche Zukunft zu sortieren. Bei letzterem erhalte ich auch immer wieder wertvolle Unterstützung durch meinen Mentor, der aus der Entwicklungshilfe insbesondere der GTZ über jahrzehntelange Erfahrung verfügt. Umso mehr freut es mich, dass sein Wort nicht nur bei mir Gehör findet. Die FAZ druckte heute folgende Einschätzung von ihm zum Drogenproblem Afghanistans.
FAZ, 4.4.07
Brot statt Opium
von Dr. Klaus J. Lampe
Der fundierte Bericht über hochertragreiche Opiumsorten von Christian Schwägerl „Der geheimnisvolle ‚amerikanische Mohn’“ (F.A.Z. vom 23. März) lässt hoffen, dass in absehbarer Zeit und mit Hilfe der Gentechnik die Herkunft dieser Neuzüchtung und damit die Hintermänner bekannt werden. Das Problem Drogen aus Afghanistan bleibt davon unberührt. Mohn wächst überall dort, wo die natürlichen - marginalen - Standortbedingungen verbunden sind mit Armut, fehlender staatlicher Kontrolle und mangelhafter Infrastruktur. Afghanistan bietet heute hierfür die besten Bedingungen. Aber die Bauern sind keine Drogen-Kriminellen. Was die meisten wollen, ist Frieden, Arbeit, Einkommen und Unabhängigkeit. Den völlig auf sich gestellten Bauern im Land bleibt nur eine Einkommensquelle: der Mohn.
Militäreinheiten, die, wie im Süden Afghanistans, Krieg führen und dabei unter der Zivilbevölkerung - wenn auch ungewollt - Terror und Schrecken verbreiten, werden nie als Aufbauhelfer akzeptiert werden. Hier, in einer von Blutrache auch heute noch geprägten Gesellschaft, produziert man sich mit solchen Methoden seine Taliban selbst, und die sogenannten Koranschul-Absolventen aus Pakistan gelten notgedrungen als willkommene Helfer.
Wer dem Land wirklich helfen will, muss die Menschen für sich gewinnen. Dazu gehören Respekt, Achtung auch der ungeschriebenen Stammesregeln, Bereitschaft zu echter Partnerschaft, Überzeugungskraft und Geduld. Afghanistan braucht ein partnerschaftlich entwickeltes Aufbauprogramm für alle Regionen vor allem außerhalb der großen Städte. Der ländliche Raum, das Rückgrat des Landes, muss als Arbeitskraftpotential und die natürlichen Ressourcen als Einkommensquelle mobilisiert werden. Oberziel ist, das ländliche Afghanistan so zu entwickeln, dass dort ein auskömmliches, würdevolles, selbstbestimmtes, freies und friedliches Leben möglich wird. Wesentliche Elemente dazu sind: Ein nationales Rahmenprogramm, das einheitliche Bedingungen festsetzt und gleichzeitig Raum für regionale Besonderheiten lässt; militärische Maßnahmen bleiben dabei auf reine Schutzfunktionen beschränkt. Nur gemeinsam mit den informellen Stammesführern ist eine Langzeitförderung in den Bereichen Landwirtschaft, Handwerk, Gewerbe, Infrastruktur, Handel, Bildung und Gesundheit, bei gleichzeitigem satellitenkontrolliertem Verzicht auf den Opiumanbau möglich.
Im derzeitigen Krieg in Afghanistan, der bis jetzt weit über 100 Milliarden Dollar gekostet hat, kommen die modernsten Waffen zum Einsatz. Etwa 35 000 ausländische Soldaten sind dort zu einem Tageskostensatz von 4000 Dollar stationiert. Die Toten, Verwundeten, Witwen und Waisen dieses Krieges, der mit den derzeitigen Mitteln nicht gewonnen werden kann, hat niemand gezählt.
Im Vergleich dazu wären die für ein Zehnjahresaufbauprogramm der ländlichen Räume im ganzen Land erforderlichen 20 Milliarden Euro gut investiert. Wenn das Land nicht wieder in einem Bürgerkrieg versinken soll, muss ihm durch Wiederaufbau und Versöhnung unter Beteiligung aller ethnischen und politischen Gruppen geholfen werden, seine Würde wiederzufinden. Dem Opiumanbau wird gleichzeitig auf diese Weise der Boden entzogen. Viel Zeit dafür bleibt nicht mehr.
Frühere Standpunkte:
12.3.07 Sind Militäraktionen die Lösung für Afghanistan's Probleme?
9.1.07 Die späte Rehabilitation der Susanne Osthoff - Was vor einem Jahr im Irak wirklich geschah
23.11.06 Streit in der NATO - Deutsche Soldaten nach Südafghanistan?
6.11.06 Totenschädelfotos - Fehltritte deutscher Soldaten in Afghanistan
9.10.06 Tod zweier Deutsche-Welle-Mitarbeiter in Afghanistan
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