| DIE ZEIT, 28.04.2005 |
Lob der miesen Laune
Im weltweiten Glücksvergleich liegen die Deutschen nur im Mittelfeld. Zum Glück! Denn zu einer freien Gesellschaft gehört auch das Recht auf Nörgelei.
Von Jörg Lau
Wir haben von allem immer mehr in unserem Leben, mit einer Ausnahme:
Glück. In den westlichen Industrieländern hat sich der materielle
Lebensstandard in den letzten fünf Jahrzehnten, gemessen an den
inflationsbereinigten Einkommen, verzwei- bis verdreifacht. Und nicht
nur die gesteigerte Kaufkraft spricht für eine allgemeine Verbesserung
der Lebensbedingungen. Auch der Gesundheitszustand, die Lebenserwartung,
die Bildungschancen, die soziale und physische Mobilität sowie die
Sicherheit des durchschnittlichen Menschen der westlichen Welt sind auf
einem historischen Höchststand.
Das Goldene Zeitalter, von dem frühere Generationen träumten, ist hier
und jetzt. Doch seit fünf Jahrzehnten hat der Anteil der Bevölkerung,
der sich als glücklich beschreibt, nicht weiter zugenommen. Im Gegenzug
werden immer mehr Depressionserkrankungen und stressinduzierte
Krankheiten verzeichnet. Der amerikanische Autor Gregg Easterbrook nennt
die Entkopplung des Wohlbefindens vom Wohlstand das
»Fortschrittsparadox« und fragt: »Warum fühlen die Leute sich
schlechter, während das Leben besser wird?«
Easterbrook führt eine Reihe brauchbarer Theorien an, um dieses Paradox
aufzulösen. Da wäre zunächst die »Revolution der befriedigten
Erwartungen«: Die meisten Menschen beurteilen ihre Lage nicht nach dem
Stand der Dinge, sondern auf der Grundlage ihrer Hoffnungen oder Ängste.
Das mag erklären, warum bei vielen Meinungsumfragen heute die Mehrheit
der Aussage zustimmt, die Eltern hätten es »zu ihrer Zeit besser gehabt«
und die eigenen Kinder würden wohl in einer noch schlechteren
Gesellschaft aufwachsen müssen. Die Nachkriegsgesellschaften des Westens
waren guten Mutes, dass die Kinder es einmal besser haben würden. Und
sie hatten Recht: Die Kinder haben es besser. Nicht zuletzt dies
freilich macht sie verzagt. Sie haben im Vergleich zu ihren Eltern
(nicht zuletzt durch deren Vorarbeit) so vieles erreicht, dass es ihnen
schwer fällt, zu erwarten, die Zukunft könnte abermals mehr bringen.
Dies führt zur zweiten Erklärung des Fortschrittsparadoxes:
»Zusammenbruchsangst«. Die Kinder der Aufsteiger, die es unbedingt
einmal besser haben sollten, haben gelernt, sich vor dem Mehr zu
fürchten. Der Verdacht, dass sich ihr hoher Lebensstandard und die große
persönliche Freiheit auf Dauer nicht aufrechterhalten lassen, sitzt tief
in den Köpfen und Herzen der Bewohner des Westens. Wir fürchten gobale
Erwärmung, Terrorismus, entfesselte Gentechnik, neue Seuchen, den
Aufstieg Chinas und die Dekadenz der eigenen Gesellschaft.
»Nachhaltigkeit« ist das dunkle Wort, in dem sich die Ängste vor dem
Kollaps verdichten. Es ist auch das Codewort für die Gegenstrategie. Ein
beflügelndes Wort der Hoffnung ist es nicht.
Ein Hauptfaktor des Unbehagens im fortschrittlichen Alltag, glaubt der
amerikanische Psychologe Martin Seligman, sei die
»Selbstwert-Obsession«. Eine Kultur wie unsere, die es zum Programm
erhebt, den Selbstwert der Menschen zu heben, macht sie gerade dadurch
anfälliger für Depressionen. Selbsthilfeliteratur und eine ganze
Industrie von Therapeuten predigen das vollkommen unrealistische Ideal
eines Lebens in permanenter ausgeglichener Zustimmung zu sich selbst.
Die Menschen werden angehalten, alles und jedes in Bezug zu ihrem
Selbstwert zu setzen. Eine Gehaltserhöhung, ein Misserfolg, ein
Liebespech, eine Ablehnung, ja auch das neue Auto – alles muss im
Hinblick auf die Selbstachtung beobachtet, bewertet, eingeordnet werden:
Was macht das mit mir, was sagt das über mich? Und wer dabei nicht
dauernd zufrieden strahlt, hat nicht einfach einen schlechten Tag
erwischt. Er hat ein Selbstwertproblem und wird ermuntert, sich zu
fragen, ob etwas grundlegend mit seinem Leben falsch läuft.
Es gibt noch eine Reihe weiterer Vermutungen, wie sich die schlechte
Laune im Schlaraffenland erklären lässt. Erstens scheint es eine
evolutionäre Selektion zugunsten des Negativismus zu geben. Die
Genügsamen und Selbstzufriedenen bringen es meist nicht weit. Das Glück
ist mit den Unzufriedenen, die allerdings mit Gereiztheit und
Gestresstheit für ihre Erfolge bezahlen müssen. Aus dem gleichen Grund
scheint eine alte Konditionierung uns zu treiben, den Überfluss zu
leugnen, in dem wir im Vergleich zu unseren Vorfahren leben. Statt uns
an ihnen zu messen, vergleichen wir uns mit den Nachbarn, die an uns
vorbeizuziehen drohen. Vergleichsstress ist einer der wichtigsten Gründe
für die Entkopplung von Wohlstand und Wohlergehen. Bei steigenden
Einkommen tritt bei jeder Anschaffung tendenziell der
Vergleichsgesichtspunkt in den Vordergrund. Die Leute fragen sich immer
weniger, ob ihr Haus ihren Bedürfnissen entspricht. Es kommt jetzt mehr
darauf an, ob es schöner als das der Nachbarn ist. Dieses Spiel hat
notwendigerweise viele Verlierer. Der erste BMW in einer Straße zieht
noch alle Augen auf sich. Der zehnte fühlt sich für seinen Besitzer
schon so alltäglich an wie ein VW Käfer in den sechziger Jahren.
Vergleichsstress ist auch einer der Hauptgründe für die ostdeutsche
Misere. Er vergällt selbst noch denen die eigenen Erfolge, die nicht als
Arbeitslose durch das Selbstachtungsraster gefallen sind. Die
Lebensumstände der meisten Menschen in Ostdeutschland haben sich nach
der Wiedervereinigung objektiv verbessert. Aber weil man sich nun nicht
mehr mit Polen und Russen, sondern mit den Westdeutschen vergleicht,
hält sich der Gewinn an subjektivem Wohlbefinden in engen Grenzen.
Mancher sieht sich dann gar, obwohl er besser dasteht als zuvor, als
Verlierer.
Aber auch ganz ohne frustrierende Vergleiche mit dem Nachbarn stellt
sich bei steigendem Wohlstand recht bald ein Grenznutzen ein. Der
Aufstieg von der Armut in die Mittelschicht erhöht das Glücksgefühl
erheblich. Ist das Niveau einer hinreichend abgesicherten
Mittelschichtsexistenz einmal erreicht, bringen weitere Zuwächse nur
unmerklich mehr Lebenszufriedenheit. Fazit: Geldmangel verursacht
Unglück, immer mehr Geld bedeutet aber, wer hätte es gedacht, nicht
automatisch immer mehr Glück. Aber wenn man schon unglücklich sein muss,
dann wohl doch lieber mit Geld als ohne. Im Taxi weint es sich einfach
besser als in einer voll besetzten S-Bahn.
Die Glücksforschung wendet viel Scharfsinn auf, um zu erklären, warum
viele Menschen nicht so glücklich sind, wie sie womöglich sein könnten,
und viele andere geradezu unverschämt grundlos glücklich. Doch nicht
genug damit, sie will uns auch Tipps geben, wie wir glücklichere
Menschen werden können, möglichst alle auf einem gleichmäßig hohen
Niveau. Ihre Rezepte sind von einnehmender Schlichtheit: Mehr Zeit mit
der Familie oder Freunden verbringen, weniger Fernsehen, Dankbarkeit für
die Segnungen des Alltagslebens entwickeln, (sich selbst) vergeben
lernen, Freunden etwas Gutes tun. Verheiratete, heißt es, seien
durchschnittlich glücklicher als Singles, was nicht zuletzt ihrem
aktiveren Sexleben zuzuschreiben sei. Religiosität ist eine ziemlich
wirkungsvolle Zutat fürs Wohlbefinden. Kinder tragen nach Erkenntnissen
der Glücksforschung leider nur in den ersten zwei Jahren – und dann erst
wieder nach Verlassen des elterlichen Hauses – wesentlich zum Glück bei.
Alles hoch interessant! Allerdings fragt man sich doch, was man mit
diesen Erkenntnissen praktisch anfangen soll. Man kann doch nicht
heiraten oder einen Glauben annehmen, nur um sich endlich besser zu
fühlen. Und wer nimmt die Kinder in den sechzehn langen Jahren, in denen
sie nur magere Glückseffekte produzieren?
Die Glücksforschung träumt davon, die Lücke zwischen Wohlstand und
Wohlgefühl zu schließen. Vielleicht sollte man sich lieber fragen, ob
das Glück wirklich immer so eine gute Sache ist. Die Datenbestände der
Glücksforscher bergen da so manchen Grund zur Skepsis. Nirgendwo auf der
Welt – so steht es im World Values Survey – haben sich so viele Menschen
für »glücklich« erklärt wie in Nigeria.
Die schlechte Laune der Deutschen kann auch produktiv sein
Wer jemals im angeblich »glücklichsten Land der Welt« war, wird
Schwierigkeiten haben, an diese Pointe zu glauben. Teile der Hauptstadt
Lagos sind in den Händen mordgieriger Banden. Die Regierung zählt zu den
korruptesten weltweit. Sechs Prozent der Bevölkerung sind an Aids
erkrankt, jedes zehnte Baby stirbt vor seinem ersten Geburtstag.
Die Einheimischen kommentieren den nigerianischen Sieg bei der
Glücksweltmeisterschaft denn auch voller Sarkasmus. Reuben Abati, ein
Kommentator der führenden Hauptstadtzeitung Guardian, schreibt: »Leichen
liegen bei uns an den Straßenrändern und verwesen vor sich hin, während
nebenan ein Imbissstand seine Geschäfte macht. Wir müssen wirklich ein
sehr glückliches Land sein, dass uns dieser Geruch nicht zur
Verzweiflung bringt.« Reuben Abati sieht in seinen unerschütterlich
glücklichen Landsleuten das eigentliche Problem. Das Geheimnis ihres
Glücks sei womöglich die Gelassenheit, die sich einstellt, wenn ein
Menschenleben nichts mehr zählt.
Es sollte zu denken geben, dass ein Land voller subjektiv glücklicher
Menschen offenbar keineswegs eine lebenswerte Umgebung sein muss, wie
die enorm hohen Auswanderungszahlen Nigerias zeigen. Kann es nicht sogar
sein, dass eine hedonistische Kultur wie die nigerianische, die
jedermann ermutigt, sich vom allgemeinen Zerfall die Laune nicht
vermiesen zu lassen, gerade durch ihre Happiness-Orientierung
allgemeines Unglück produziert? Anders gesagt: Kann es sein, dass Glück
manchmal schlecht für uns ist?
Ein gutes Leben ohne Glück ist schwer vorstellbar. Aber offenbar sind
subjektives Wohlbefinden und gutes Leben auch nicht einfach ein und
dieselbe Sache – ja sie können sogar bittere Feinde sein. Umgekehrt muss
man vielleicht auch die schlechte Laune als Ressource wiederentdecken.
Ein italienischer Intellektueller, der lange Jahre in Deutschland
verbracht hatte, hat es einmal so gesagt: »Wenn ihr Deutschen nicht so
abgrundtiefe Pessimisten wärt, hättet ihr nicht so viele gute
Ingenieure. Was glaubt ihr, warum die italienische Technik so schlecht
funktioniert? Weil wir in unserem Optimismus annehmen, dass die Sache
schon irgendwie hinhauen wird.«
Glückliche Leute sind nicht nur durch einen Hang zur Schlamperei und
Selbstzufriedenheit gefährdet, sie neigen auch zu Vorurteilen, wie eine
Untersuchung amerikanischer Psychologen erwiesen hat. Je glücklicher die
Stimmung der Probanden, umso höher ihre Neigung, einen Verdächtigen
eines Verbrechens für schuldig zu halten, bloß weil er einer Minderheit
zugehört. Glück kann denkfaul und bigott machen. Ambrose Bierce, der
große Spötter, definierte »Glück« einmal als »jene angenehme Empfindung,
die sich beim Betrachten des Elendes anderer einstellt«. Nun, so zynisch
muss man nicht sein. Aber wenn heute die »glückliche Gesellschaft« zum
Ziel der Politik erklärt wird, gibt es allemal Grund zur Skepsis.
Staatliche Herstellung von Glück – wer so etwas fordert, wie der Brite
Richard Layard, überfordert die Politik und unterfordert die Menschen.
Leider ist irgendwie der Sinn dafür verloren gegangen, welch ein
Privileg es ist, in einer Gesellschaft zu leben, die das Unglücklichsein
nicht stigmatisiert wie die totalitären Regime des letzten Jahrhunderts,
in denen alle (Volks-)Genossen als Zeichen ihres Einverstandenseins
stets gute Miene zu tragen hatten. Statt über die Entkopplung von
Wohlstand und Wohlgefühl zu klagen, sollte man vielmehr eine
Gesellschaft preisen, in der so viele Menschen wie nie zuvor ihr – im
historischen Vergleich recht behagliches – Unglück pflegen können.
Die ersehnte »glückliche Gesellschaft« muss keineswegs eine gute
Gesellschaft sein. Eine freie Gesellschaft zeichnet sich dadurch aus,
dass sie ihren Mitgliedern die Verfolgung des Glücks zwar ermöglicht,
sie aber nicht dazu nötigt.
Das Glück ist eine zu flüchtige und scheue Sache, als dass es zum
Staatsziel taugen würde. Wer kennt nicht das merkwürdige Gefühl beim
Blick aus dem Zugfenster auf eine verschlafene Ortschaft in der Heide,
wo sich die Fachwerkhäuser gemütlich um den Kirchturm schmiegen: »Ach
ja, hier wohnt das Glück!« Und wer kennt nicht die Panik, die einen
unweigerlich überfällt, wenn der Zug dann auf einmal ebendort zum Halten
kommt?
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