| FRANKFURTER RUNDSCHAU, 06.01.2005 |
Unsere Luxussorgen
Die Flut und das Schweigen
Von Ursula März
Uns fehlen die Worte. Jetzt stimmt der Satz
tatsächlich. Die Floskel wird angesichts der Flutkatastrophe Südasiens,
angesichts über 150 000 Toter, angesichts Millionen obdach- und
existenzloser Menschen zur Wahrheit. Die Worte unserer Gebrauchssprache
sind schon deshalb semantisch begrenzt, eben weil sie benutzt,
vielleicht dadurch stumpf sind. Weil sie benutzt wurden, um Ereignisse
und Situationen zu bezeichnen, die an diese Katastrophe nicht
heranreichen. Was heißt das eigentlich: "Unvorstellbares Leid"?
Indem man das Idiom immer und immer wieder gebraucht, tritt es in den
Dienst der Benennbar-, also Vorstellbarkeit und praktiziert rhetorisch
am Ende das Gegenteil dessen, was es ausdrücken will. Wer jetzt nichts
sagt, drückt damit nicht aus, dass er unberührt und deshalb stumm ist,
sondern vielleicht: Dass ihm Worte fehlen, die angemessen sind. Es gibt
nicht nur Worte, es gibt auch Kategorien, denen es an Angemessenheit
fehlt. Und es sind jetzt, in dieser Situation, vor allem die Kategorien,
mit denen wir, die kritische Intelligenz, als unserem Handwerkszeug
gewohnt sind, umzugehen.
Skeptische Blicke
"Unsere Sorgen müsste man haben", schrieb
Gustav Seibt vor zwei Tagen in der Süddeutschen Zeitung über das
schockierende Missverhältnis zwischen der Lage des Zuschauers vor dem
Fernsehen und der Lage der Menschen, die dort zu sehen sind. Aber man
muss dem hinzu fügen: Unsere intellektuellen Sorgen müsste man haben. Um
jetzt - was wir aber, und das ist der Widerspruch, nicht abstellen
können - über die wie üblich grauenhafte boulevardeske Berichterstattung
nachzudenken, die Tag für Tag jeden einzelnen geretteten deutschen
Touristen mit allen Details seiner Rettungsgeschichte zu Wort kommen
lässt, als handele es sich um ein Sonderwesen der Spezies Mensch. Auch
kritischen Denken, auch dieses hier, ist jetzt eine unangenehm
berührende, unangemessene Luxussorge.
Keine Zeitung ließ es gestern aus, einen skeptischen Blick zu werfen auf
die vehemente Hilfsbereitschaft deutscher und japanischer Politik.
Darauf, dass der deutsche Bundeskanzler sein symbolisches Vermögen
nutzt, in Krisen eine gute Figur zu machen. Das mag so sein. Aber es ist
egal. Es ist gleichgültig, ob daran etwas Kritisierenswertes ist. Denn
es ist für eine indonesische Familie, die kein Trinkwasser hat,
gleichgültig, ob sie die lebensrettende Schnelligkeit, in der sie an
uninfiziertes Wasser gelangt, der Beimischung politischer Intentionen in
die Hilfsaktivität eines westlichen Landes verdankt.
Diese Sicht birgt Naivität. Aber auch das ist egal. Die indonesische
Familie benötigt momentan Trinkwasser. Und sie benötigt die Überlegung
nicht, ob diese Sicht naiv ist. Und sie benötigt die Überlegung nicht,
dass es kein Zufall sein könnte, wenn bestimmte Länder wie Deutschland
und Japan versuchen, in der globalen Katastrophenhilfe Führungsrollen
einzunehmen, um so dem erstrebten Platz im UN-Sicherheitsrat näher zu
kommen. Das mag ja sein. Aber von Menschen aus betrachtet, die kein
Trinkwasser haben, ist ein kritischer Kommentar dazu nichts anderes als
das geistige Pendant zum Urlaub im Urlaubsparadies.
Die Summe, die der Rennfahrer Michael Schumacher hergibt, ist sehr groß,
10 Millionen Dollar. Schumachers Geld wird helfen. Seine Geste wird
andere Prominente und Reiche seiner Kategorie inspirieren, es an
Großzügigkeit ihm gleichzutun. Ihre Großzügigkeit wird helfen. Mehr gibt
es dazu augenblicklich nicht zu sagen. Der Impuls, einmal kritisch
nachzurechnen, was mit dem Geld, das in einem einzigen für Schumacher
hergestellten, kurz darauf an die Wand gefahrenen oder weggeparkten
Fahrzeug steckt, an humanitärer Hilfe hätte geleistet werden können, ist
so unnötig, so verschwenderisch und am Ende so dekadenzverdächtig wie
das Fahrzeug selbst.
Ja, Johannes B. Kerner, ist als Moderator von Spendengalas so unangenehm
triefend wie immer. Aber die Betrachtung dieser Tatsache, die Worte und
Kategorien, die wir dafür haben, ist keinen Deut weniger unangenehm und
unangemessen angesichts der Katastrophe in Südasien. Es sind Worte, die
zu denen gehören, die jetzt besser fehlen sollten. Spenden und die
Arbeit der Hilfsorganisationen sind wichtiger.
![]() |
|
||||||||||||||
|
|
|
![]() |
![]() |
![]() |
|
||||||||||
|
|
|
||||||||||||||
|
|
|
||||||||||||||
|
|
|
||||||||||||||
|
|
|
||||||||||||||
|
|
|
||||||||||||||
|
|
|
||||||||||||||
|
|
|
||||||||||||||
![]() |
|
||||||||||||||
|
|
|
||||||||||||||
|
|
|
||||||||||||||
|
|
|
||||||||||||||
|
|
|
||||||||||||||
![]() |
![]() |
![]() |
![]() |
![]() |
|
||||||||||
![]() |
|
![]() |
![]() |
![]() |
|
||||||||||
|
|
|
|
|
|
|||||||||||
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|