| Die ZEIT, 2. Oktober 2006 |
Der Staub zwischen seinen Zähnen
Von Colum McCann
Die Geschichte des Texaners Steven Green, der im Irak-Krieg zum Mörder und Vergewaltiger wurde
Ich kenne diesen Jungen – oder vielmehr: Ich kenne diese Art von Jungen. Steven Green wurde 1985 in Midland geboren, gegen Ende der Reagan-Jahre. In Midland will alles groß sein: Hier gibt es die größten Steaks, die größten Hüte, den breitesten Akzent, hier nicken die gewaltigsten Ölpumpen in der trockenen Weite des Landes. Es ist eine jener Städte im Ödland, in denen nach einem Spaziergang durch die Innenstadt noch der Staub zwischen den Zähnen knirscht.
Steven Green hatte, nach allem, was man hört, eine jener traurigen amerikanischen Kindheiten, wie man sie in praktisch jedem kleinen Kaff Amerikas findet. Seine Eltern, John Green und Roxanne Simolkie, ließen sich scheiden, als er noch klein war. Für eine Weile wurde er zwischen Mutter und Vater hin- und hergereicht, dann zog Roxanne mit ihm nach Houston. Mit acht bekam er einen neuen Stiefvater. Es muss ein bisschen so gewesen sein wie mit Jacken: Die Väter nutzten sich an den Ellbogen ab, der Reißverschluss ging kaputt, die dunklen Taschen rissen an den Nähten ein. In der Schule geriet Steven Green ein bisschen in Schwierigkeiten. Wahrscheinlich war er der Junge links hinten, der nicht still sitzen konnte. Keiner der Lehrer konnte ihn wirklich erreichen. Er legte sich als Markenzeichen einen finsteren Gesichtsausdruck zu und war, wie es heißt, in viele Schulhofprügeleien verwickelt.
Steven war sechzehn und wohnte wieder in Midland, als er mit Drogenutensilien geschnappt wurde. Die Strafe betrug 350 Dollar. Ein paar Monate später wurde er dabei erwischt, als er Tabak kaufte – noch mal 300 Dollar Strafe. Viel Geld für ein paar Zigaretten.
Wie das Leben so ist: Es wurde komplizierter. Seine Mami betrank sich. Er bekam einen neuen Stiefvater. Wie viele Väter konnte er eigentlich haben? Er brach die Schule ab. Überlegte, sich einen Job zu besorgen, vielleicht einen schönen Gürtel zu kaufen, eine enge Jeans und ein Paar richtig scharfe Stiefel. Er war jetzt alt genug, um Zigaretten zu rauchen und Tabak zu kauen, und möglicherweise standen auf den hinteren Taschen seiner Jeans die Logos von Marlboro und Red Man, den Ikonen des amerikanischen Westens.
Sie verbrannten die Mädchenleiche und vereinbarten Stillschweigen
Anfang 2005, mit neunzehn, wurde er mit Alkohol erwischt, und anstatt seine 300 Dollar Strafe zu zahlen, ging er diesmal für ein paar Tage ins Gefängnis. Vier Tage hinter Gittern – vielleicht würde er da ein bisschen zur Ruhe kommen. Vielleicht reichte die Zeit, um ihn auf den Gedanken zu bringen, er könnte seinem Leben eine neue Richtung geben. Als Steven aus dem Gefängnis kam, tat er, was viele junge Leute ohne Zukunft tun. Er ging zum Rekrutierungsbüro der Armee, wo die Soldaten zweiunddreißig blitzende weiße Zähne und in den Augen dieses echt amerikanische und, ja, väterliche Leuchten haben: Komm her, mein Sohn. Wir bieten dir ein aufregendes Leben! Hubschrauber! Humvees! Unterschreib hier, und hol’s dir! Dir ist alles vergeben, Steven – hier ist das Leben, für das du geschaffen bist!
Die US-Armee sah über Stevens Delikte und seinen fehlenden Schulabschluss hinweg, nahm ihn auf, taufte ihn – im wörtlichen wie im übertragenen Sinne: In Fort Benning, Georgia, wurde er in einen großen Teich getaucht und zum wiedergeborenen Christen. Dann steckte man ihn in eine Uniform, versah ihn mit einer Kevlar-Weste aus blindem Patriotismus und schickte ihn in den Irak.
In dem Jahr, in dem Steven geboren wurde, fuhr ich zwei Jahre lang mit dem Fahrrad durch Amerika. In Brenham, Texas, arbeitete ich für eine Weile mit jugendlichen Straftätern. Es waren Jungen aus Gefängnissen, Fürsorgeheimen und kaputten Familien. Eine unverhältnismäßig große Zahl von ihnen stammte aus Midland, Texas. Es waren Jungen, die sich für die Größten hielten. Sie hatten keine Vorbilder. Sie waren verloren. Sie verbrachten drei Monate in einem Wildniscamp und wurden dann auf eine Sonderschule geschickt, und danach kriegten die meisten einen Job. Sie wurden Mechaniker, Schleppermatrosen, Verkäufer und Farmhelfer. Einer studierte sogar Kernphysik an der Texas-A-&-M-Universität.
Das war vor zwanzig Jahren. Damals gab es keinen Krieg, in den man ziehen konnte. Ich weiß nicht, was aus den Jungen geworden wäre, wenn es einen gegeben hätte. Damals kamen die meisten irgendwie auf die Beine und wurden zu einem funktionierenden Teil jener Landschaft, die damals so trocken und verloren wirkte. Ich muss gestehen, dass ich hin und wieder auch Briefe aus Gefängnissen kriege, wo einige Jungen, mit denen ich gearbeitet habe, gelandet sind. Aber die meisten – mindestens 95 Prozent – bekamen ihr Leben in den Griff; es ist kein Traum, aber funktionierende Realität, es ist ein ganz normales amerikanisches Leben: drei Fernseher und ein ziemlich gutes Superbowl-Wochenende.
Und trotzdem glaube ich, dass ihre Jugend sehr ähnlich verlaufen ist wie die von Steven Green.
Steven Green war ein paar Monate in dem schrecklichen tödlichen Dreieck südlich von Bagdad stationiert. Hausdurchsuchungen, Streifen zu Fuß, Bombenanschläge. Apocalypse Now in einem Humvee. Wir haben heute immer noch keine Vorstellung von dem besonderen Grauen dieses Lebens, aber in einem Armeebericht steht, dass Steven Green und vier andere Soldaten seiner Kompanie sich eines Abends betranken, in Tarnkleidung in die Stadt Mahmudia gingen, eine Tür eintraten, in das Haus stürmten, ins Schlafzimmer gingen, Mutter, Vater und ein kleines Mädchen töteten, ein anderes mit vorgehaltener Waffe bedrohten und es vergewaltigten. Um alle Spuren zu beseitigen, versuchten sie danach, die Leiche des Mädchens zu verbrennen. Sie vereinbarten Stillschweigen und kehrten in ihr Lager zurück. Über Mahmudia standen noch die Sterne am Himmel.
Der Irak ist natürlich nicht Midland, Texas, aber als Steven in jener Nacht zu Bett ging, hat bestimmt Staub zwischen seinen Zähnen geknirscht.
Ganz gleich, wie man es dreht und wendet – die Rohheit und Traurigkeit von Steven Greens Geschichte ist nicht zu leugnen. Man wird sie benutzen, um zu zeigen, wo der Krieg schief gegangen ist, und man wird zu Recht darauf hinweisen, dass nicht alle US-Soldaten dergleichen getan haben, sondern allenfalls eine Hand voll. Die überwältigende Mehrheit der Männer und Frauen, die in der amerikanischen Armee dienen, scheint dies, gegen alle Widrigkeiten, stolz und mit Anstand zu tun. Man muss sich auf dem Flughafen Shannon die Gesichter derer ansehen, die nach Hause fliegen – sie wirken geschockt und niedergedrückt angesichts dessen, was aus ihrer Uniform geworden ist und was ihre Uniform aus ihnen machen wollte. Sie scheinen zu sagen: Frag mich nicht, ich kann es auch nicht erklären. Sie scheinen zu verstehen, dass wir jetzt an einem Tiefpunkt angekommen sind. Sie haben nicht darum gebeten. Sie wünschen, es wäre nie geschehen. Sie wollen nicht von Steven Greens Tarnfarbe beschmutzt werden.
Keiner von uns ist allzu weit entfernt von dieser Rohheit
Aber wessen Schuld ist es, dass die Steven Greens dieser Welt durch die Ritzen fallen? Wer lässt zu, dass ein Junge mit kaum vorhandener Bildung in eine Region geschickt wird, in der das Überleben von einer hohen Intelligenz abhängt? Wer hat seine Einträge im Strafregister aus den Büchern gelöscht und ihn in die Armee aufgenommen? Wer brauchte Frischfleisch? Wer ist vorgetreten und hat gesagt, es sei ganz in Ordnung, dass der neunzehnjährige Steven Green seinem Land und angeblich auch der Demokratie dient?
Wir sollten nicht vergessen, dass der Oberkommandierende der Bravo-Kompanie des 1. Bataillons der 502. Infanterie der 101. Division der amerikanischen Armee ebenfalls Texaner ist und viele unvergessliche Sätze geäußert hat: Bring it on. Mission accomplished. Die Achse des Bösen. Wir werden diejenigen, die die Freiheit hassen, finden.
Die Vergewaltigung und der Mord an der Familie in Mahmudia wurden zunächst irakischen Aufständischen angelastet, doch nun sitzen Green und die vier anderen in amerikanischen Gefängnissen, der Prozess gegen sie ist eröffnet. Ein weiterer Soldat ist angeklagt, weil er seine Vorgesetzten nicht informierte, nachdem er von dem Vorfall erfahren hatte. Es mag – das jedenfalls wird George Bush behaupten – ein Triumph der Demokratie sein, dass die amerikanische Armee imstande ist, sich selbst zu kontrollieren und diese furchtbaren Dinge an die Öffentlichkeit zu bringen, und es mag auch sein, dass am Ende eine Art perverser Gerechtigkeit stehen wird, aber das ist hier weder die Frage noch die Antwort, nein, ganz und gar nicht.
Ich sehe in Steven Greens Geschichte die Geschichte vieler Jungen aus Midland, Texas, denen ich vor zwanzig Jahren in jenem Heim für jugendliche Straftäter begegnet bin. Wären die Zeiten vertauscht gewesen, dann hätte es ohne weiteres sie treffen können. Die Wahrheit ist, dass keiner von uns – nicht Sie, nicht ich, nicht Steven Green – allzu weit von dieser Rohheit entfernt ist. Aber was uns roh macht, ist das, was es uns gestattet, roh zu sein – und da beginnt die Verantwortung.
Aus dem Englischen von Dirk van Gunsteren
Der preisgekrönte Schriftsteller Colum McCann wurde 1965 in Dublin geboren und lebt heute in New York. Auf Deutsch erschien zuletzt sein Roman »Der Tänzer« (Rowohlt Verlag)
Text: Die ZEIT
Ausgewählte Hintergrundberichte zum Thema „Fehltritte deutscher Soldaten in Afghanistan“
„Die ZEIT“ über die „BILD“:
DIE ZEIT -Online, 26.10.2006, „Bild hat sein Abu Ghraib“
Die „FAZ“ über die „BILD“
FAZ, Feuilleton, „Soldatenfotos: Das Bild des Bürgers in Uniform“
Und noch einmal über die „BILD“: Ein Leserkommentar in der FAZ:
FAZ, 3.11.06, „Der Gefahr ausgesetzt“
Das Auslandsjournal hautnah im Gefecht:
ZDF, Auslandsjournal, 2.11.06, 21.15 Uhr (245MB)
![]() |
|
||||||||||||||
|
|
|
![]() |
![]() |
![]() |
|
||||||||||
|
|
|
||||||||||||||
|
|
|
||||||||||||||
|
|
|
||||||||||||||
|
|
|
||||||||||||||
|
|
|
||||||||||||||
|
|
|
||||||||||||||
|
|
|
||||||||||||||
![]() |
|
||||||||||||||
|
|
|
||||||||||||||
|
|
|
||||||||||||||
|
|
|
||||||||||||||
|
|
|
||||||||||||||
![]() |
![]() |
![]() |
![]() |
![]() |
|
||||||||||
![]() |
|
![]() |
![]() |
![]() |
|
||||||||||
|
|
|
|
|
|
|||||||||||
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|