| ETHNOTRADE, Ausgabe November 2007 |
Der Ball des Anstoßes
Ein Kommentar von Khalid A. Dayani
Es war einmal ein Fußball. Der wurde zum Militär einberufen. Man überlegte sich, wie man einem einfachen Fußball ein stattliches Aussehen geben könnte und entschied sich dafür, den Ball mit verschiedenen bunten Flaggen aller Nationen zu schmücken. So wurde die Einheit der Welt zum Spielball. Die visualisierte Eintracht wurde zu Hunderten von Bällen geklont und nach Afghanistan auf Verständigungsreise geschickt.
Die Reise fand in Militärhubschraubern statt, aus denen die bunten Spielbälle über verschiedene Regionen des Landes abgeworfen wurden. Für die Flugzeugcrew war es eine angenehme Abwechslung, mal nicht kriegerisch unterwegs zu sein.
Kinder und Jugendliche waren begeistert und rannten den Hubschraubern hinterher, um die seltenen Geschenke zu ergattern. War der Spielball im ersten Moment ein Grund zur Freude, wurde er ganz schnell zum Ball des Anstoßes. Die neuen Eigentümer der Bälle stellten schnell fest, dass der Ball den heiligen Leitsatz (Bekenntnis zum Islam) aufgedruckt trug, was die Eigenschaft des Fußballs als Tretball zunichte machte. Denn dieser Satz muss immer auf einem ihm würdigen Platz stehen, zumindest auf Augenhöhe eines stehenden Menschen. Der Satz des Bekenntnisses zum Islam auf Fußhöhe ist Blasphemie.
Es kam die Frage auf, ob dieser Fauxpas gewollt, also aus bösartiger Absicht, oder einfach nur ein Versehen aus Unwissenheit war? In der Zeit nach den dänischen Mohammed-Karrikaturen scheint plötzlich alles denkbar. Das schrie nach einer Untersuchung. So fand der schöne, bunte Spielball seinen Weg zu den höchsten Ämtern des lädierten afghanischen Staates. Der Ältestenrat musste der Frage auf den Grund gehen, was die Ursache der „Beleidigung“ sein könnte. Die Initiatoren der Spielballaktion mussten zum Rapport und sich für etwas entschuldigen, wovon sie sich Lob und Freude erhofft hatten.
Und die Moral von der Geschichte: Wer sich über den Inhalt eines Abwurfes keine Gedanken macht, darf sich über Kollateralschäden nicht wundern.
Ball oh Ball - Verständigung kann doch keine Einbahnstraße sein! Nur ein wenig mehr Auseinandersetzung mit kulturellen Unterschieden wünscht sich
Ihr Khalid A. Dayani
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