| Die ZEIT - Online, 26. Oktober 2006 |
"Bild" hat sein Abu Ghraib
Von Alain-Xavier Wurst
Und es sieht so aus, als ob die deutsche Öffentlichkeit das akzeptieren würde. Dabei zeigen die "Schock-Fotos" nichts - umso mehr kann man diese leere Form beliebig füllen. Ein Kommentar
Neben dem dramatischen Tod von Moshammers Daisy hat Bild am Mittwoch einen Skandal entdeckt. Als Aufmacherbild zeigt die gestrige Ausgabe der Zeitung einen deutschen Soldaten in Afghanistan, der einen Totenschädel in seiner rechten Hand hält. Gleich unter diesem Foto beglückt uns Natalie mit ihren Hüglein. Bild as usual: Eros und Thanatos auf der ersten Seite. Und schon haben die Stimmungsmacher die Bundesrepublik in Verwirrung gebracht.
Bilder sagen zwar mehr als tausend Worte, aber manchmal sprechen sie nicht wirklich, sondern sie plappern. „Schock-Fotos“ von deutschen Soldaten. Unscharf. Hier ein Totenkopf, da ein Penis. Weiß man irgend etwas über die Herkunft der Gebeine? Nein. Aber schon überlagern die Bilder aus Afghanistan die Bilder deutscher Soldaten im zweiten Weltkrieg, so suggerierte die Überschrift auf ZEIT online.
Doch so dämlich diese Fotos sind, sie vermitteln eher einen harmlosen Eindruck. Das Zeug zu einer Ikone haben sie definitiv nicht, schon gar nicht so wie die Folterbilder aus Abu Ghraib; zu ungeklärt sind die Umstände der Tat, zu frei ist die Art und Weise ihrer Assoziation.
Dass es junge Männer aus Deutschland sind, die sich in Afghanistan täglich in Lebensgefahr befinden, spielt keine Rolle mehr. Dass der Tabubruch eine von vielen Bewältigungsstrategien darstellt, ist irrelevant. Diese Bilder führen ihr eigenes Leben. Und nun haben die Deutschen ihr Abu Ghraib. Aber die Medienhysterie über die Terrorgefahr, die diese Bilder verursachen könnten, macht vergessen, dass die Islamisten solche Zeichen nicht brauchen, um den Kampf gegen den Westen zu propagieren.
Bild hat, aus durchsichtigen Interessen, eine Falle gestellt. Und weil es Bild ist, muss alle Welt hineintappen, Politiker, Journalisten, und mit ihnen jedermann. Natürlich reagieren die Politiker mit Entsetzen. Was könnten sie sonst anderes tun? Und die Medien plappern. Was können sie sonst anderes tun? Umso schwerer wiegt die Verantwortungslosigkeit, solche Bilder zu publizieren, die nichts zeigen, aber alles sagen.
Text: Die ZEIT-Online
Ausgewählte Hintergrundberichte zum Thema „Fehltritte deutscher Soldaten in Afghanistan“
Die „FAZ“ über die „BILD“
FAZ, Feuilleton, „Soldatenfotos: Das Bild des Bürgers in Uniform“
Und noch einmal über die „BILD“: Ein Leserkommentar in der FAZ:
FAZ, 3.11.06, „Der Gefahr ausgesetzt“
Das Auslandsjournal hautnah im Gefecht:
ZDF, Auslandsjournal, 2.11.06, 21.15 Uhr (245MB)
„Die ZEIT“ darüber, wer eigentlich alles in die Armee kommt und wie sich Soldaten in einem Krieg verändern; Ein Beispiel aus dem Irak:
Die ZEIT, 2.11.06, „Der Staub zwischen seinen Zähnen - Die Geschichte des Texaners Steven Green, der im Irak-Krieg zum Mörder und Vergewaltiger wurde“
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